Montag, 29. April 2013

Yoga und Kritikfähigkeit – Glorifizierung vs. Begeisterung

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Das hat sicherlich viele Gründe: Allen voran die vielen Veränderungen in meinem Leben, mein eigentlicher Beruf als Journalist, der mich stark fordert, aber vor allem meine vielen Fragezeichen, wie ich mit dem Thema Yoga in Zukunft umgehen soll. Nicht zuletzt meine eigene Yogalehrerausbildung, aber allem voran die Ereignisse rund um John Friend und die große Krise im Anusara-Yoga und die vielen kritischen Fragen eines mir wichtigen Menschen, haben mich die ganze Yogawelt mit neuen Augen sehen lassen.

Für Außenstehende kann Yoga etwas Gefährliches haben, etwas Sektenhaftes. Ich habe das oft bestritten, oft weggeschoben. Nicht bemerkend, dass ich längst Teil dieser Yogawelt bin und schon längst yogisch spreche und denke. „Nein, ist doch nicht so. Das sind nur Extremfälle.“ Doch so langsam haben sich über die vielen Dikussionen, die ich darüber in den letzten Monaten geführt habe, die Fragezeichen gemehrt.

Was ist es, dass Yoga zu mehr macht als Sport? 

Oder zu einem Mehr als Atemübungen+Sport+Konzentrationsübungen? Ich habe versucht, darauf Antworten zu finden – und wurde niedergeschmettert mit durchaus berechtigten Einwänden: „Beim Joggen findest Du auch Momente der Ruhe. Das entspannt auch.“ „Du hörst Dich an, wie ein Prediger.“ Sogar die Yoga aktuell brachte einen Beitrag dazu, dass in vielen Leistungssportdisziplinen Übende etwas von erhebenden Momenten und Flow-Momenten berichteten. Das alles, was ich meinte originell im Yoga gefunden zu haben, war alles andere als originell. Als ich mich mit klassischer Philosophie begann auseinanderzusetzen, merkte ich, dass vieles aus der sogenannten „Yogaphilosophie“ einfach schamlos geklaut war (meist dabei verflacht)... bei den Stoikern, bei Aristoteles, bei Marx. Oder verkauften da manche etwas als neu, stempelten Yoga drauf, nur um ihr Buch an den Mann/die Frau zu bringen? Da wurden ganze Bücher hineingedeutet in die drei Worte „sthira sukham asanam“. Diese (schönen) schlichten drei Worte wurden zu einem ganzen philosophischen Überbau, in den dann auch noch unsere moderne westliche Welt passen sollte.

Wann wurde Yoga zur Geschäftsidee?

Und ich begann, kritisch hinzusehen und zu hinterfragen. Und zum Teil wurde ich sauer, was plötzlich alles den Stempel Yoga bekam und damit zum Verkaufsschlager wurde. Alles wurde Yoga: Ernährungsvorschriften, Kochbücher verkaufen sich besser damit, Die Yogadiät, das gute alte Kinderturnen verkauft sich jetzt als Kinderyoga, aufgepeppt mit teilweise fragwürdiger Esoterik, Akrobatik wurde zu Acroyoga (was zugegebenermaßen Spaß macht, aber nichts mehr mit Yoga zu tun hat), Outdoor-Yoga, Bikram-Yoga (provokativ: Sauna + Yoga), Yoga gegen „schlaffen Po“, „Tränensäcke“, „Reiseangst“, „Schienbeinkantensydrom“, „Gebrochenes Herz“, „Diabetes“ und ADHS. Jeden Tag könnte ich eine neue Yogarichtung üben. Yoga kann einfach ALLES und ist ALLES. Und es birgt das gefährliche Versprechen, sich mit diesem ALLES zu verbinden (und aufzulösen?). Diese Überschätzung, diese Glorifizierung, dieser hahnebüchene Größenwahn begann mir zu stinken – wie ein faules, vergessenes Osterei, dessen Geruch man noch nicht orten und bestimmen kann, dass aber eine steigende Übelkeit verursacht.

Das ging „sogar“ soweit, dass ich anfing, einmal genau hinzuhören, was (berühmte und weniger berühmte) Yogalehrer da vorne wirklich erzählen. Und ich begriff, warum so viele von ihnen verneinten, wenn ich sie darum bat, für private Zwecke auf mein Diktiergerät mitschneiden zu dürfen. Vieles davon strotzt vor Situationskomik, wenn man es wörtlich nimmt. Und ich begriff, warum mein oben genannter "Kritischer Freund" Yoga als Sekte bezeichnete. Manche Yogalehrer schaffen es, ihre Schüler so einzulullen mit ihrer Art und der völlig von sich überzeugten Wichtigkeit, dass sie da vorne – entschuldige bitte lieber Leser – gequirlte ... für Gold verkaufen: „Und im Shop könnt ihr mein neues Buch, DVD, Workshop etc. erwerben. Ich signiere auch gerne.“ Ich musste ehrlich gesagt manchmal anfangen zu kichern, so albern waren die Poesiealbumsprüche. „Umarme dein inneres Kind!“ „Gib dir selbst die Mutterliebe, die du immer vermisst hast!“ (Hier wurde ich regelrecht sauer, woher will die da vorn das wissen?). Und in Englisch geht es meist noch besser und theatralischer, weils keiner versteht: „Breath like the waves of the ocean!“ „Find your inner goddess!“ Inbrünstig: „Feeeeeeeeeeel the energy.“ Und dann immer wieder gern in der Taube, als Hüftöffner, wo ja, wie jeder Mediziner weiß, meine angestauten Gefühle sitzen: „Nimm den Schmerz an, als einen Teil von Dir!“ Und immer wieder SEI IM HIER UND JETZT, HIER UND JETZT, HIER UND JETZT. Ich sollte mich mit allen um mich herum verbinden. Nach solchen Yogastunden umarmen sich die Leute gern und lächeln viel. Doch frag dann mal allen Ernstes jemanden, ob er Dir nächstens Wochenende beim Umzug in den 5. Stock hilft. Schwupps sind alle weg, und mit der Verbindung ist es vorbei. So Sarkasmus aus.

Ich begann mich zu fragen, was denn wirklich der Unterschied zwischen manchen Yogastunden, Gehirnwäsche, religösem Kitsch und einer Sekte ist. 

Und die ehrliche Antwort darauf: Nichts. Es gibt eben solche und solche Yogalehrer. Genau wie es gute Köche und schlechte Köche gibt. Manches ist dann auch noch Geschmacksache. Und manches ist gesundheitsgefährdend. Nämlich dann, wenn der da vorn nicht sein Handwerk versteht oder meint, Arzt und Psychotherpeut ersetzen zu können. Ehrlich gesagt, hatte ich langezeit daraufhin keine Lust mehr, selbst zum Yoga zu gehen. Ich begann sehr reduziert zu unterrichten. Nur noch korrekte Ausrichtung und Atmung anzusagen.

Versteht mich nicht falsch: Aus einer guten Yogastunde gehe ich immer noch mit einem Lächeln, mein Körper fühlt sich an wie neu geboren und ich bin entspannt und gelöst. Aber ich habe auch anfangen zu laufen (und einen Halbmarathon geschafft), spiele ab und an wieder gern Badminton, schlafe am Sonntag gern mal lange aus, bekomme keine Gewissensbisse, wenn ich mal drei Wochen nicht beim Yoga bin, und weiß die kritische Meinung eines wahren Freundes mehr zu schätzen als einen Posiealbumsspruch, der meint die Welt sei schon so in Orndung wie sie ist. Denn manchmal ist sie es eben nicht. Und manchmal wird man durch so ein einlullendes Wellnessyoga blind gegenüber historischen Hintergründen, politischer Ungerechtigkeit, realem Weltgeschehen, dem Schmerz deines Nachbarn. Dann ertappt man sich dabei, einer Freundin mit Liebeskummer Asanatipps zu geben, statt zuzuhören. Denn in irgendeiner verklärenden Blase zu leben, in einer schicken Scheinwelt, in der sich die Mitte-Hipster und gelangweilten Prenzlauer-Berg-Mütter dehnen und 70 Euro für 2 Stunden eines USA-Yoga-Gurus löhnen können – das kann verdammt nach Sekte aussehen. Ich empfehle JEDEM einmal, diesen Perspektivwechsel nach außen. Dann merkt man manchmal, wo die eigentlichen Probleme liegen, wo man angefangen hat, mit Yoga eine Bettdecke über sich zu ziehen, statt das wahre Problem anzugehen.

Seitdem sage ich meinen Yogaschülern immer wieder: Du bist verantwortlich für deinen Körper und deine Psyche, nur du kannst entscheiden, was jetzt richtig ist, was zu viel und was gut tut. Lass dir von niemandem was anderes erzählen. Yoga als einziger Sport ist zu einseitig. Probiers mal mit Joggen, Radfahren oder Schwimmen. Wenn dir etwas weh tut, geh zum Arzt. Ich kann dir nicht sagen, wie du dein Leben leben sollst. Ich kann nur zuhören, aber das kann ein guter Freund von dir sicher besser. Und lies mal wieder ein gutes Buch (Tipp: „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“), geh an die frische Luft, koch dir was richtig Leckeres, triff dich mit einem Freund, ruf deine Mutter an, mach deinen Job richtig gut – und mal ehrlich, die Lösung auf dein Problem hast du doch längst selbst gefunden.

Kommentare:

  1. Liebe Anne,
    bin per Zufall auf deinen Blog gestossen und habe mich gefreut. Das, was ich seit längerer Zeit beobachte, hast du sehr schön in Worte gepackt. Der Blog ist so gut das ich ihn sogleich weiterleite :D Merci! Sarah

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Anne,
    ich danke Dir für Deine offenen Worte zum Thema Yoga und sektenähnliche Auswirkungen. Es ist richtig mutig, denn Kritik am Yoga ist ja kaum erwünscht, weil Yoga ´Art of living´ ist.
    "Manchmal wird man durch so ein einlullendes Wellnessyoga blind gegenüber historischen Hintergründen, politischer Ungerechtigkeit, realem Weltgeschehen, dem Schmerz des Nachbarn." .... und deshalb finde ich unter meinen Yogi-FreundInnen keine oder keinen, die mit mir einen Umzug oder einer Krankenhausbesuch oder ein Geburtstagslied für eine Mutter gestalten. Ohne om mani padme hum geht da gar nichts mehr. Yogagehirne sind weichgespült - moksha wirkt gegen die Vielfalt des Lebens! Es hat mir wirklich Freude bereitet, diesen Artiekl zu lesen!

    AntwortenLöschen

 
/* Use this with templates/template-twocol.html */