Freitag, 21. Juni 2013

9. Yogafestival Berlin 2013

Der Kulturpark Kladow ruft in mir jedes Jahr wieder Begeisterung für diesen wunderschönen Ort hervor. Die Havel im Hintergrund, die Nähe zum Wasser, die alten Bäume um die Wiesen herum, die Vögel zwitschern und die Großstadt scheint unendlich weit weg... Jedes Jahr atme ich hier beim Yogafestival wieder auf und lade die Batterien auf. Und so auch am letzten Wochenende.

Das Programm hielt mal wieder einiges parat. Wenn man allerdings bereits seit ein paar Jahren kommt, war leider recht wenig Neues dabei. Vorwiegend Berliner Yogalehrer gaben sich die Klinke in die Hand. Aufgefallen ist mir, dass besonders die auswärtigen Lehrer, wie Nanda Kumar aus Indien und Malaysia (Iyengar Lehrer) und Michael J. Stewart (http://www.lokavidu.com/) aus Mexiko/USA, weit weniger spirituell hantierten als die Lehrer aus Deutschland. Es ist sehr angenehm, wenn sich Michael auch mal über die Wichtigkeit von Pranayama lustig macht ("Nehmt die rechte Hand für Nadi Shodhana oder ihr sterbt."). Genau seine Art, auch einmal über Yoga zu lachen, während der anstrengenden Kriegerposition zu brüllen "I am a peaceful warrior" und immer wieder auch zu lachen und etwas zu lösen, macht ihn jedes Jahr zu einem der beliebtesten Lehrer.

Ansonsten war ich wie immer sehr begeistert von Stines ruhiger Art (http://spirityoga.de/), der kraftvollen Ganesha Klasse von Rachel Zinman (sehr schöne Verwendung von Mudras), der Acro-Yoga-Stunde von Lucie Beyer und Almuth Kramer (bei Almuth war ich erst kürzlich im YogaRaumBerlin und werde im Rahmen meiner Testreihe mal wieder berichten demnächst) und der immer wieder verzaubernden Gong-Meditation mit Nanak Dev Singh, die dieses Jahr mit Reggae und Tanzen endete. Yeah! Fazit: Yoga macht besonders Spaß, wenn man sich selbst und eben auch Yoga nicht so wichtig nimmt. Über sich selbst lachen zu können, ist eine äußerst angenehme Eigenschaft. Einfach genießen!

Partneryoga mit Kai Ribéreau

 Traumhafter Ausblick auf die Havel im Kulturpark Kladow

 Jetzt weiß ich, woher mein Sonnenbrand kam
 Ganesha Klasse mit Rachel Zinman: Starke stehende Asanas
 "Lege das Bein auf deinem Nachbarn ab"
 Utthita Parsvakonasana
 Andreas Loh, den ich bereits vor einiger Zeit kennenlernen durfte, begleitete später noch am Klavier
 Laaaaaaang strecken!
 Und alle im Herabschauenden Hund
 Tom Beyer demonstriert die Beweglichkeit im Schultergelenk und wie man da mehr Platz schafft
 Acro Yoga – immer wieder ein riesen Spaß. Almuth Kramer als Spotter. Lucie Beyer als Flieger
 Und alle Varianten möglich


 Wie komme ich da hoch? Hauptsache lächelnd!
 Jiiiiiha! Lucie macht Schabernack
 Auch Mudras mit eingebaut. Hier den Lotus
 Und Almuth fliegt
 Oder zum Bogen binden


 Abschließend macht einer die "Massageliege"
 Auch sehr entspannend für den, der oben ist: der Hippy Twist
 Entspannen mit Michael J. Stewart
"Ich weiß. Ihr fragt euch schon die ganze Zeit, wann endlich der Gong kommt!" Gleich...

BIS ZUM NÄCHSTEN JAHR!

Montag, 29. April 2013

Yoga und Kritikfähigkeit – Glorifizierung vs. Begeisterung

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Das hat sicherlich viele Gründe: Allen voran die vielen Veränderungen in meinem Leben, mein eigentlicher Beruf als Journalist, der mich stark fordert, aber vor allem meine vielen Fragezeichen, wie ich mit dem Thema Yoga in Zukunft umgehen soll. Nicht zuletzt meine eigene Yogalehrerausbildung, aber allem voran die Ereignisse rund um John Friend und die große Krise im Anusara-Yoga und die vielen kritischen Fragen eines mir wichtigen Menschen, haben mich die ganze Yogawelt mit neuen Augen sehen lassen.

Für Außenstehende kann Yoga etwas Gefährliches haben, etwas Sektenhaftes. Ich habe das oft bestritten, oft weggeschoben. Nicht bemerkend, dass ich längst Teil dieser Yogawelt bin und schon längst yogisch spreche und denke. „Nein, ist doch nicht so. Das sind nur Extremfälle.“ Doch so langsam haben sich über die vielen Dikussionen, die ich darüber in den letzten Monaten geführt habe, die Fragezeichen gemehrt.

Was ist es, dass Yoga zu mehr macht als Sport? 

Oder zu einem Mehr als Atemübungen+Sport+Konzentrationsübungen? Ich habe versucht, darauf Antworten zu finden – und wurde niedergeschmettert mit durchaus berechtigten Einwänden: „Beim Joggen findest Du auch Momente der Ruhe. Das entspannt auch.“ „Du hörst Dich an, wie ein Prediger.“ Sogar die Yoga aktuell brachte einen Beitrag dazu, dass in vielen Leistungssportdisziplinen Übende etwas von erhebenden Momenten und Flow-Momenten berichteten. Das alles, was ich meinte originell im Yoga gefunden zu haben, war alles andere als originell. Als ich mich mit klassischer Philosophie begann auseinanderzusetzen, merkte ich, dass vieles aus der sogenannten „Yogaphilosophie“ einfach schamlos geklaut war (meist dabei verflacht)... bei den Stoikern, bei Aristoteles, bei Marx. Oder verkauften da manche etwas als neu, stempelten Yoga drauf, nur um ihr Buch an den Mann/die Frau zu bringen? Da wurden ganze Bücher hineingedeutet in die drei Worte „sthira sukham asanam“. Diese (schönen) schlichten drei Worte wurden zu einem ganzen philosophischen Überbau, in den dann auch noch unsere moderne westliche Welt passen sollte.

Wann wurde Yoga zur Geschäftsidee?

Und ich begann, kritisch hinzusehen und zu hinterfragen. Und zum Teil wurde ich sauer, was plötzlich alles den Stempel Yoga bekam und damit zum Verkaufsschlager wurde. Alles wurde Yoga: Ernährungsvorschriften, Kochbücher verkaufen sich besser damit, Die Yogadiät, das gute alte Kinderturnen verkauft sich jetzt als Kinderyoga, aufgepeppt mit teilweise fragwürdiger Esoterik, Akrobatik wurde zu Acroyoga (was zugegebenermaßen Spaß macht, aber nichts mehr mit Yoga zu tun hat), Outdoor-Yoga, Bikram-Yoga (provokativ: Sauna + Yoga), Yoga gegen „schlaffen Po“, „Tränensäcke“, „Reiseangst“, „Schienbeinkantensydrom“, „Gebrochenes Herz“, „Diabetes“ und ADHS. Jeden Tag könnte ich eine neue Yogarichtung üben. Yoga kann einfach ALLES und ist ALLES. Und es birgt das gefährliche Versprechen, sich mit diesem ALLES zu verbinden (und aufzulösen?). Diese Überschätzung, diese Glorifizierung, dieser hahnebüchene Größenwahn begann mir zu stinken – wie ein faules, vergessenes Osterei, dessen Geruch man noch nicht orten und bestimmen kann, dass aber eine steigende Übelkeit verursacht.

Das ging „sogar“ soweit, dass ich anfing, einmal genau hinzuhören, was (berühmte und weniger berühmte) Yogalehrer da vorne wirklich erzählen. Und ich begriff, warum so viele von ihnen verneinten, wenn ich sie darum bat, für private Zwecke auf mein Diktiergerät mitschneiden zu dürfen. Vieles davon strotzt vor Situationskomik, wenn man es wörtlich nimmt. Und ich begriff, warum mein oben genannter "Kritischer Freund" Yoga als Sekte bezeichnete. Manche Yogalehrer schaffen es, ihre Schüler so einzulullen mit ihrer Art und der völlig von sich überzeugten Wichtigkeit, dass sie da vorne – entschuldige bitte lieber Leser – gequirlte ... für Gold verkaufen: „Und im Shop könnt ihr mein neues Buch, DVD, Workshop etc. erwerben. Ich signiere auch gerne.“ Ich musste ehrlich gesagt manchmal anfangen zu kichern, so albern waren die Poesiealbumsprüche. „Umarme dein inneres Kind!“ „Gib dir selbst die Mutterliebe, die du immer vermisst hast!“ (Hier wurde ich regelrecht sauer, woher will die da vorn das wissen?). Und in Englisch geht es meist noch besser und theatralischer, weils keiner versteht: „Breath like the waves of the ocean!“ „Find your inner goddess!“ Inbrünstig: „Feeeeeeeeeeel the energy.“ Und dann immer wieder gern in der Taube, als Hüftöffner, wo ja, wie jeder Mediziner weiß, meine angestauten Gefühle sitzen: „Nimm den Schmerz an, als einen Teil von Dir!“ Und immer wieder SEI IM HIER UND JETZT, HIER UND JETZT, HIER UND JETZT. Ich sollte mich mit allen um mich herum verbinden. Nach solchen Yogastunden umarmen sich die Leute gern und lächeln viel. Doch frag dann mal allen Ernstes jemanden, ob er Dir nächstens Wochenende beim Umzug in den 5. Stock hilft. Schwupps sind alle weg, und mit der Verbindung ist es vorbei. So Sarkasmus aus.

Ich begann mich zu fragen, was denn wirklich der Unterschied zwischen manchen Yogastunden, Gehirnwäsche, religösem Kitsch und einer Sekte ist. 

Und die ehrliche Antwort darauf: Nichts. Es gibt eben solche und solche Yogalehrer. Genau wie es gute Köche und schlechte Köche gibt. Manches ist dann auch noch Geschmacksache. Und manches ist gesundheitsgefährdend. Nämlich dann, wenn der da vorn nicht sein Handwerk versteht oder meint, Arzt und Psychotherpeut ersetzen zu können. Ehrlich gesagt, hatte ich langezeit daraufhin keine Lust mehr, selbst zum Yoga zu gehen. Ich begann sehr reduziert zu unterrichten. Nur noch korrekte Ausrichtung und Atmung anzusagen.

Versteht mich nicht falsch: Aus einer guten Yogastunde gehe ich immer noch mit einem Lächeln, mein Körper fühlt sich an wie neu geboren und ich bin entspannt und gelöst. Aber ich habe auch anfangen zu laufen (und einen Halbmarathon geschafft), spiele ab und an wieder gern Badminton, schlafe am Sonntag gern mal lange aus, bekomme keine Gewissensbisse, wenn ich mal drei Wochen nicht beim Yoga bin, und weiß die kritische Meinung eines wahren Freundes mehr zu schätzen als einen Posiealbumsspruch, der meint die Welt sei schon so in Orndung wie sie ist. Denn manchmal ist sie es eben nicht. Und manchmal wird man durch so ein einlullendes Wellnessyoga blind gegenüber historischen Hintergründen, politischer Ungerechtigkeit, realem Weltgeschehen, dem Schmerz deines Nachbarn. Dann ertappt man sich dabei, einer Freundin mit Liebeskummer Asanatipps zu geben, statt zuzuhören. Denn in irgendeiner verklärenden Blase zu leben, in einer schicken Scheinwelt, in der sich die Mitte-Hipster und gelangweilten Prenzlauer-Berg-Mütter dehnen und 70 Euro für 2 Stunden eines USA-Yoga-Gurus löhnen können – das kann verdammt nach Sekte aussehen. Ich empfehle JEDEM einmal, diesen Perspektivwechsel nach außen. Dann merkt man manchmal, wo die eigentlichen Probleme liegen, wo man angefangen hat, mit Yoga eine Bettdecke über sich zu ziehen, statt das wahre Problem anzugehen.

Seitdem sage ich meinen Yogaschülern immer wieder: Du bist verantwortlich für deinen Körper und deine Psyche, nur du kannst entscheiden, was jetzt richtig ist, was zu viel und was gut tut. Lass dir von niemandem was anderes erzählen. Yoga als einziger Sport ist zu einseitig. Probiers mal mit Joggen, Radfahren oder Schwimmen. Wenn dir etwas weh tut, geh zum Arzt. Ich kann dir nicht sagen, wie du dein Leben leben sollst. Ich kann nur zuhören, aber das kann ein guter Freund von dir sicher besser. Und lies mal wieder ein gutes Buch (Tipp: „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“), geh an die frische Luft, koch dir was richtig Leckeres, triff dich mit einem Freund, ruf deine Mutter an, mach deinen Job richtig gut – und mal ehrlich, die Lösung auf dein Problem hast du doch längst selbst gefunden.
 
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