Freitag, 1. April 2011

Meine erste Qigong-Stunde

Markus ist Qigong-Lehrer in Berlin
Fotos: www.bewegen-ist-gold.de

Eckard Wolz-Gottwald spricht in seinem Yoga-Philosophie-Atlas von heutigem Patchwork-Yoga, das nicht nur die alten Traditionen hochhält, sondern auch westliche Praktiken wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training einbezieht. Der westliche Schüler sehe sich laut Wolz-Gottwald meist der Herausforderung gegenübergestellt, ohne Guru und den Glauben an eine einzige Wahrheit zurechzukommen. Er sammelt sich seine Inspirationen auf dem Yogaweg mühevoll zusammen – was Vor- aber auch Nachteile haben kann. Letztendlich laufe es laut Herrn Wolz-Gottwald, den ich dieses Wochenende im Rahmen meiner Yogalehrerausbildung kennenlernen darf, bei beiden Wegen doch auf ein und das selbe Ziel hinaus: den inneren Lehrer in sich zu finden. Denn weder die Bindung an einen Guru, noch das ledigliche Sammeln von Einflüssen könnten zur wahren Erkenntnis führen. Der Schüler muss schon selbst diese Erfahrung machen.

Nun, ich habe mich mehrfach hingesetzt, und versucht, meinem inneren Lehrer unvoreingenommen zu lauschen. Verbunden mit den Erfahrungen aus der Intensivwoche, kristallisierte sich vor allem eine Sache heraus, die er mir immer wieder riet: Lerne zu Sein. Nicht mehr zu wollen und zu müssen, sondern auf dem Weg des Seins mehr zu mir zu finden und zu spüren, was mir gut tut. Gerade durch die Intensivwoche ist mir bewusst geworden, dass ich weniger zu den Schülern gehöre, die angefeuert werden müssen und denen man noch mehr in die perfekte, kräftige und aufgerichtete Position helfen muss. Ich lerne, wenn der Yogalehrer da vorn steht und Sätze sagt wie: „Richtet euch noch mehr auf. Ziiiiiiieht durch die Fingerspitzen. Geht tiiiiiiefer in die Haltung!!!“, dass ich in der Regel eher ein kleines bisschen zurückgehe. Wie Irina mir so schön sagte: „Deine Komforthaltung ist die Angespanntheit und Verspanntheit, aus der du heraustreten musst.“ Ich habe den Eindruck, dass es vielen Karrierefrauen hier im Zentrum Berlins ähnlich wie mir geht. Wie oft sehe ich krampfhaft durchgedrückte Gelenke, überstreckte Knie und Ellenbogen, Frauen, die stolz drauf sind, sich besonders absurd verrenken zu können – und Frauen, die immer noch nach jahrelangem Yoga über Rücken-, Nacken- und Gelenkschmerzen klagen? Wie oft höre ich von Muskelfaserrissen und furchtbaren Muskelkatererfahrungen nach Yogastunden? Nun, ich bin eine von diesen Frauen!

Mein Mann, von den Erfahrungen eines Yogakurses gezeichnet („Es ist einfach furchtbar, wenn man der einzige Kerl im Raum ist, und dann soll man klatschnassgeschwitzt mit einer zarten 20-jährigen Studentin, die aus dem Stehgreif Spagat macht, Handstand als Partnerübung machen.“), nimmt mich mit in seine Qigong-Klasse. Ich schaue also auf meinem Patchwork-Weg noch weiter in den Osten.

Über die chinesischen Gesundheitsübungen habe ich schon einiges gehört, was sich für mich verlockend anhört: Energieströme fließen lassen und lenken zu können, neue Energie zu gewinnen und verbrauchtes Qi in gutes umzuwandeln, Blockaden zu lösen, Entspannung und Heilung. Die wenigen Übungen, die ich bereits kenne, wirken meiner Eigenart, immer etwas zu viel zu machen sowie zu über-strecken, -dehnen und -reizen entgegen. Mein Mann war sogar schon mit meiner Schwiegermutter, die Qigong-Lehrerin ist, in Beidaihe in China bei Dr. Liu Yafei (ich habe immer „Julia Fee“ verstanden), der Tochter von Liu Guizhen, dem Begründer des modernen Qigong. Die Ursprungstechniken entstammen einer jahrtausendealten TCM- und Kampfkunsttradition, wurden aber methodisch von Liu Guizhen erst in den 50er-Jahren zur Förderung und Stabilisierung des Energiehaushaltes und zur Behandlung von Krankheiten verwendet. Von der Reise brachte mir mein Mann ein paar Übungen und einen wunderschönen weißen Seidenanzug mit, der sein Dasein nun allerdings als Pyjama fristet (was wohl meine Mit-Yogis dazu sagen würden, wenn ich in dem Gewand zum Yoga käme?).

Das Qi ist in der chinesischen Medizin die Lebensenergie, die das ganze Universum durchdringt – ähnlich dem yogischen Prana. Störungen im Fluss oder der Qualität des Qi führen zu Krankheiten und Unwohlsein. Durch die Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsübungen soll das Qi im Körper gereingt und angereichert werden und der Durchfluss gefördert werden.

So weit zur Theorie. Nun ist es in Berlin weitaus schwieriger einen Qigong-Kurs zu finden als ein Yogastudio. Ich vertraue daher der Erfahrung meines Mannes und gehe in die Stunde von Markus, der das Zentrum für Qigong und Bewegung mit dem wunderbaren Namen „Bewegen ist Gold“ betreibt. Der Kurs findet im „Aikido Zentrum für Harmonische Bewegung“ statt. Nachdem ich mich umgezogen habe, trinke ich mit den anderen ein Glas grünen Tee, bevor wir in den großen Raum gehen. Was mir auffällt, ist die bunte Mischung der Teilnehmer: vom jungen, sportlichen Studenten bis zur Rentnerin, die Schwierigkeiten hat, zu stehen und deswegen fast alles im Sitzen macht. Wenn manche Yogastudios behaupten, ihr Yoga sei für alle, dann muss ich manchmal den Kopf schütteln. So eine heterogene Übungsgruppe habe ich beim Yoga selten getroffen. Meist gibt es doch eher separate Gruppen für Sportliche oder für Beeinträchtigte.

Es riecht vertraut nach Räucherstäbchen, durch die Fenster dringt die Frühlingssonne. An der Wand hängt nicht B.K.S. Iyengar oder Pattabhi Jois, sondern Meister Morihei Ueshiba. Der Fußboden ist weich gepolstert, wir werden also die ganze Stunde ein bisschen wie auf einem Schiff hin- und herschwanken. Alle legen sich noch eine Wolldecke unter – beim Qigong hat man es gern bequem und warm, weswegen ich mir schnell noch meinen Pulli hole.

Die Stunde beginnt mit einer Art Berghaltung. Obwohl die Füße zusammenstehen, müssen die Knie leicht gebeugt bleiben, damit das Qi fließen kann. Augen zu. Und dann wanken wir alle hin und her, während Markus ein paar entspannende Anweisungen gibt. Nach einer Weile begeben wir uns in die Grundstellung mit hüftweit gespeizten Beinen, wieder Knie anbeugen (gar nicht so leicht die ganze Zeit darauf zu achten!) und wieder Augen zu und Schwanken: „Stellt euch vor, ein silberner Faden zieht euch vom Kopf aus nach oben und ein zweiter Faden vom Steißbein nach unten. Richtet die Wirbelsäule auf, Knie gebeugt!“ Upps, da waren die Knie doch schon wieder durchgestreckt. „Steht nicht stramm, sondern wie eine Wasserpflanze, die in einer leichten Wasserströmung hin und hertreibt, die Füße festverankert. Beugt Ellenbogen und Knie leicht an, schafft Platz unter den Achselhöhlen. Alles wird rund und schwerelos.“ So langsam fühle ich mich wie wabernder Pudding, eine große runde Masse und durch meine Arme und Beine kribbelt es angenehm. Obwohl man fast nix macht und stillsteht, sind es diese Mikrobewegungen, die den Körper entspannen. Das Stehen wird im Qigong oft als „Sitzen in der Luft“ bezeichnet. Deswegen heißt es immer wieder: „Setzt euch in die Wolken!“

Danach ausschütteln. Mit Augen zu ... ohne schummeln. Füße bleiben fest auf dem Boden. „Schütteln, wie ein Baum, der im Frühlingswind die letzten abgestorbenen Blätter abwirft!“ Wenn man denkt, es könnte jetzt mal genug sein: Weiterschütteln!

Danach machen wir einige Dehnübungen, die ich so ähnlich auch aus dem Yoga kenne (z.B. Arme hinter dem Rücken zusammenbringen, vorbeugen und Schulter öffnen – allerdings verschränken wir nur die Daumen, und die Zeigefinger berühren sich!). Markus erklärt sie allerdings zusätzlich mit Meridianen, den Energiebahnen des Körpers, die wir dadurch aktivieren (Lunge, Dickdarm, Leber und Gallenblase – passend zum entgiftenden Frühlingsthema der Stunde). Ich freue mich bereits auf den Meridian-Yoga-Workshop bei Home Yoga (siehe Seitenleiste!).

Anschließend aktivieren wir das Qi, und öffnen und schließen das untere Dantian. Dieser Bereich unterhalb des Nabels, ist das wichtigste Energiezentrum des Körpers und Sitz des Qi. Nach der Grundhaltung bringt man die Hände vor den Unterbauch, als ob man einen Ball hält. Die Hände werden Finger für Finger, beginnend mit dem Daumen, umgedreht, sodass die Handrücke zueinander zeigen. Die Arme gleiten auseinander („den Vorhang öffnen“), dann wieder Handflächen zu einanderzeigen lassen (kleiner Finger beginnt die Drehung) und den „Vorhang schließen“, Hände übereinander auf das untere Dantian legen, nachspüren. Immer wieder sammeln wir nach den Übungen das Qi, streichen an unserem Körper herunter und verteilen das Qi.

Markus legt die Hände auf das untere Dantian,
das Energiezentrum des Körpers

Wir beginnen Atem und Bewegung zu synchronisieren. Bei der Einatmung wird das Gewicht auf den Vorderfuß verlagert, wir steigen, bei der Ausatmung nach hinten auf die Ferse, wir sinken. Das ganze ist mit einer kaum merklichen Auf- und Abbewegung verbunden (Knie nie durchstrecken). Die Hände steigen mit Abstand vor dem Körper bis auf Brusthöhe, Handgelenke entspannt, werden wie in einer Welle vor den Körper herangezogen und sinken, als wenn man mit den Händen die Welle streichelt, wieder ab. Nach einer Weile mit geschlossenen Augen, meine ich eine einzige Welle zu sein und erfahre, was bewegte Meditation sein kann und wie ruhig sie mich innerlich macht. Toll!

Abschließend lernen wir eine Übungsreihe, die sich Tai Yi Yuan Ming Gong nennt – die Übung vom Ursprünglichen Licht. Laut dem Merkblatt, was ich hinterher bekomme, ist diese Übung eine der wenigen traditionellen Qigong-Übungen aus der Tang Zeit (618-907). Beim Lesen dieses Merkblatts bekomme ich einen Eindruck, wie vielschichtig die scheinbar einfachen Übungen sind. Ich zitiere mal zur Grundhaltung:

„Mit den verschränkten Händen das Dantian versiegeln: Ausgangsstellung: Schulterbreiter Stand, die Knie sind locker gebeugt, die Lendenwirbelsäule ist aufgerichtet, Brust und Halswirbelsäule sind aufrecht. Der höchste Punkt am Scheitel scheint mit einem silbernen Faden am Himmel aufgehängt. Die Arme hängen entspannt herunter, die Ellenbogen sind etwas nach außen gerichtet. Der Kopf wird aufrecht gehalten, das Kinn leicht nach innen gezogen. Ein Lächeln auf das Gesicht zaubern und zum unteren Dantian schicken. Beide Hände übereinander auf den Bauch legen, sodass der Daumen der unteren Hand auf dem Bauchnabel liegt. Bei Frauen ist die rechte Hand unten, bei Männern die linke. In Gedanken die Punkte „Schulterbrunnen“ auf beiden Seiten in der Mitte der Schulter und „Sprudelnde Quelle“ unter den Fußsohlen miteinander verbinden. Den höchsten Punkt auf der Schädeldecke Bai Hui mit dem Kreuzbein und dem Punkt Hui Yin, in der Mitte zwischen dem „vorderen Yin“ und dem „hinteren Yin“ verbinden, dann das Qi in das untere Dantian sinken lassen. Geist und Wille ziehen sich von außen nach innen zurück: mit einem Lächeln schauen und doch nicht wahrnehmen. Natürlich atmen. Die Zungenspitze ist nach oben gerichtet und berührt den Gaumen. Die Augen bleiben während der ganzen Übung geöffnet, sie nehmen auf, aber erkennen nichts, nehmen nichts bewusst wahr: Wu Wei, nichts unterscheidend wahrnehmen, nichts bewusst erreichen wollen.“

Und während der ganzen Zeit steht man eigentlich nur still...
„Wu Wei“ – das klingt allein schon schön, wenn man es nur still vor sich hinspricht.

Die anschließende Bewegungsfolge kann ich mir ganz gut merken. Vor allem durch die bildreichen Anweisungen. Vor meinem inneren Auge, halte ich Sonne und Mond in den Händen, vereine sie und lasse mich von ihrem Glanz erhellen. Zum Abschluss legen wir uns alle hin und praktizieren Jing Gong. Das heißt, wir stellen uns die gleiche Bewegungsfolge nur vor und liegen dabei auf dem Rücken. Ich schaffe es wirklich gut, in Gedanken dranzubleiben und nicht abzuschweifen. Vielleicht sollte ich öfter so meditieren?

Nach der Stunde unterhalte ich mich kurz mit Markus über meine Eindrücke. „Ich glaube, dass Yoga und Qigong viele Gemeinsamkeiten haben und sich gut ergänzen. Im Yoga ist man mehr auf Dehnung und Kräftigung aus, im Qigong geht es eher um das Loslassen und Fließenlassen der Energie.“ Sein Kollege Alexander Agricola, ebenfalls Qigonglehrer, Geschäftführer des Zentrums sowie Kursleiter für Autogenes Training, Entspannungstrainer für Kinder,
gelernter Koch und Ernährungsberater nach der TCM ergänzt: „Ja, man könnte Qigong als bewegte Meditation beschreiben. Manchen Yogis fehlt ein bisschen das Streching. Nach der 5-Elemente-Lehre entsprechen solche Menschen, zu denen ich mich im Übrigen auch mit zähle, dem Element Holz. Neben dem Wachstum sind Flexibilität – wie der Bambus im Wind – und Verwurzelung wichtige Funktionen des Holzes. Wachstum kann nur geschehen, wenn wir flexibel bleiben und uns auf neue Situationen einlassen können. Bei dir sehen ich da auch eine Menge Holz.“ Ich muss schmuzeln bei dieser Bemerkung. Ja, dass darf nur Alexander mir sagen!

Ich werde auf jeden Fall wiederkommen, denn nach der Stunde fühle ich mich wunderbar leicht und erholt. Ich nehme mir vor, etwas von dieser Durchlässigkeit und Leichtigkeit auf meinen Yogaweg und später in meine Art zu unterrichten mitzunehmen.

Mein Fazit: Qigong ist für Yogis eine tolle Ergänzung. Jeder, wirklich jeder, kann Qigong üben. Bei „Bewegen ist Gold“ wird auf alle individuell eingegangen. Zusätzlich sollte man m.M.n. noch etwas für den Muskelaufbau und die Dehnung des Körpers machen.

Infos:

Markus Langenecker
Tel. 030-65 70 32 31
www.bewegen-ist-gold.de
Kursort: Aikido Zentrum für Harmonische Bewegung
Milastr. 4
10437 Berlin (Prenzlauer Berg)

Diverse Kurse: verschiedene Qigong-Stile, Rückenschule, Nordic Walking, Progressive Muskelentspannung, Kochkurse, Kinder- und Seniorenkurse. Preisbeispiele: Probestunde € 5, 10-Wochen-Kurs € 120 (krankenkassenbezuschusst), Monatskarte (2x pro Woche) € 40

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