Sonntag, 24. April 2011

Im Interview: Daniel Orlansky
About Meridian Yoga

Daniel Orlansky Meridian YogaDaniel Orlansky demonstriert an seiner Partnerin
Rosana die Arbeit am Dünndarm-Meridian.

Daniel Orlansky Meridian YogaIn Bauchlage Adlerarme, nach vorn herausziehen und
danach Schultermassage und Druck auf den Akupunkturpunkt G21

Am Wochenende traf ich Daniel Orlansky bei Home Yoga und nahm an seinen beiden Workshops teil, zu Yoga of Energy Flow und Meridian Yoga. Seine Arbeit mit Energieflüssen und Meridianen interessierte mich, besonders nach meinen Erfahrungen mit Qigong. Beim Energy Flow Workshop arbeiteten wir mehr mit dynamischen Bewegungen aus dem Kundalini Yoga, mit Mudras und Pranayama. Daniel legt vor allem Wert auf die Atempausen nach der Ein- und nach der Ausatmung: Kumbakh genannt. Beim Anhalten nach der Einatmung sollten wir das Chi in unserem Körper verteilen, beim Anhalten nach der Ausatmung sollten wir leer und klar werden. Am Sonntag, beim Meridian Yoga, ging es um das Öffnen einmal des Gallenblasen-Meridians und zum anderen des Dünndarm-Dickdarm-Meridians durch Massagen, Asanas und Streching. Puh, das war zwar größtenteils sehr angenehm, aber zeigte auch, wo die Schmerzpunkte im Körper liegen können. Nach dem Workshop durfte ich Daniel ein paar Fragen stellen:

Wie hast du Yoga für dich entdeckt?
Vor 36 Jahren begann ich mit Kundalini Yoga. Zuerst habe ich also mit Atem, Energielenkung, Meditation und eher dynamischen Bewegungen gearbeitet, mit dem sogenannten Pranayama Kosha. So nennen wir die zweite Hülle unseres Körpers, die aus unserer Lebensenergie, Prana genannt, besteht. Allerdings hatte ich damals Rückenbeschwerden und brauchte ein bisschen mehr Dehnung. Deswegen begann ich mit Hatha Yoga, mit der Arbeit am physischen Körper und mit Asanas. Ich brachte beide Herangehensweisen zusammen, kombinierte sie mit Hilfestellungen, Shiatsu und Thai Massage und nannte es Meridian Yoga. Das war ungefähr vor 15 Jahren.

Was sind deine größten Einflüsse?
Meine Arbeit mit dem Atem, mit Asanas und Körperarbeit kommt aus dem Kundalini Yoga. Die fließenden Bewegungen sind inspiriert vom Vinyasa Yoga and Kali Ray TriYoga. Das System der Meridiane stammt aus den traditionellen asiatischen Gesundheitslehren wie Akupunktur, Thai Chi und Shiatsu. Und die Qualität der Bewegungen kommt ebenfalls aus dem Thai Chi: langsam, verbunden mit dem Atem und meditativ.

Wer waren deine Lehrer?
Ich habe drei Yogastile gelernt: Kali Ray TriYoga von Kali Ray in Boston, wo ich viele Jahre Lehrer war, Kundalini Yoga von Yogi Bhajan und das sogenannte Meridian Flexibility System von Bob Cooley. Ich habe noch einen Abschluss an der Boston Shiatsu School und studierte Expressive Art Therapy/Dance Therapy an der Lesley University. Aus all diesen Einflüssen habe ich meinen eingenen Stil – man könnte auch sagen meine eigene Sprache – gefunden: Meridian Yoga.

Wie arbeitest du mit den Meridianen?
Mit Widerstand, Asanas, Stretching (sogenanntes PNF-Stretching, eine Physiotherapie-Behandlung), Hands-on, Shiatsu und Thai-Massage. Im Shiatsu arbeitet man mehr mit den Akupunkturpunkten, und in der Thai-Massage hat man mehr Bewegung und mehr passive Dehnung. Mit all diesen Methoden versuche ich, Blockaden im Körper zu lösen. Denn diese Blockaden sorgen dafür, dass man vom großen Energiefluss abgeschnitten wird. Wenn man diese Blockierungen öffnet, dann verbindet man sich mit einem größeren Energiefluss, Dao genannt (der Kreislauf der Energie vom Himmel zur Erde und zurück durch den Körper hindurch) oder Lebenskraft, manche würden auch sagen Gott, Gottheit oder das Göttliche. Die Wege der Energie von Blockaden zu befreien hilft dabei, im Hier und Jetzt zu sein und mit Himmel und Erde in Verbindung zu treten.


Was sind die Unterschiede zwischen Nadis und Meridianen?
Es gibt mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede: Das indische System der Nadis ist fast das gleiche wie das chinesische System der Meridiane. Beides basiert auf Energiebahnen im Körper. Beide, Meridiane und Nadis, können geöffnet werden, indem man spezielle Punkte des Körpers reizt. Es gibt eine Menge Beziehungen zwischen Yoga/Nadis/Prana, TCM/Meridiane/Chi und Shiatsu. Es gibt sogar Chakren im chinesischen System. Aber in den unterschiedlichen Systemen existieren verschiedene Punkte, Elemente und Verbindungen zu den inneren Organen. Doch die Prinzipien sind die gleichen: Man muss die Blockierungen öffnen – durch den Atem, Asanas, Akupunkturnadeln oder Massage. Dann öffnet sich der Körper der Energie.

Wo liegt der Schwerpunkt bei deiner Lehrmethode?
Die Balance von Körper, Atem und Geist. Der Körper will gelockert werden, der Atem will fließen, und der Geist will ruhig werden. Wenn man alles drei erreicht, dann erfährt man das, was man Selbstverwirklichung nennt. Manchmal arbeite ich mehr an einem Punkt. Meist weil es einfacher ist, mit dem physischen Körper zu arbeiten, danach kommt die Atemarbeit, und dann konzentriert man sich auch auf den Geist.


This weekend I met Daniel Orlansky at Home Yoga and participated in his two workshops: Yoga of Energy Flow and Meridian Yoga. His work with energy flows and meridians interested me, especially after my experience with Qigong. In the Energy Flow Workshop we worked with more dynamic movement of the Kundalini Yoga, with mudras and pranayama. Daniel puts particular emphasis on the breath breaks after the in- and exhalation: called kumbakh. When stopping after inhalation we should distribute the Chi in our body, when stopping to breathe out, we should be empty and clear. On Sunday, Meridian Yoga was about to open the gall bladder meridian and the small intestine and large intestine meridian through massage, stretching and asanas. Phew, that was the most part very pleasant, but also showed where are the pain points in the body. After the workshop I was able to ask Daniel a few questions:

How did you discover yoga?
It was 36 years ago when I began with Kundalini Yoga. So first I worked with breath, energy, meditation and more dynamic movements – I worked with the pranayama kosha, that's how we called the second Kosha, the layers of subjective experience, and it consists of the vital life-force, otherwise known as Prana. But I had back problems, so I needed a little bit more streching. I began with Hatha yoga, working with streching the physical body and asanas. I started to bring these two styles together and combined it with Hands on, Shiatsu and Thai massage and I called it Meridian Yoga. That was like 15 years ago.

What are your biggest influences?
The work with breath, asanas and body work comes from Kundalini Yoga. The flows of Vinyasa Yoga and Kali Ray TriYoga. The system of meridians from oriental health systems like acupuncture, Thai Chi and Shiatsu. And the quality of movement from Thai Chi: slow, connected with the breath and meditative.

Who were your teachers?
I learned three styles: Kali Ray TriYoga by Kali Ray in Boston, where I was a teacher many years. Kundalini Yoga by Yogi Bhajan, and the so called Meridian Flexibility System by Bob Cooley. I graduated at the Boston Shiatsu School and studied Expressive Art Therapy/Dance Therapy at the Lesley University. From all these influences I invented my own style – you can say I found my own voice – called Meridian Yoga.

How do you work on the meridians?
With resistance, asanas, streching (called PNF streching, a physiotherapy treatment), hands-on, Shiatsu and Thai massage. In Shiatsu you work more with the acupuncture points and in Thai massage you have more movement and more passive streching. With all these methods I want to unblock the body. Because if you have blockings in your body, it cuts you off the bigger flow. When you open these blockings you can connect to a larger flow of energy which is called Dao (which flows from heaven to earth and backwards through your body) or life force, some would say god, godhead or the divine. Unblocking the pathways of energy helps you to be there, to connect you with earth and heaven.

Which are the differences between nadis and meridians?
There are more similarities than differences: The indian system of nadis is nearly the same like the chinese system of meridians. There are both energy pathways. You can open both, meridians and nadis, by pressing special points of the body. There is a lot of relationship between Yoga/nadis/prana, TCM/meridians/chi and shiatsu. You even have a system of chakras in the chinese system. But there are different points, elements and different connections to the inner organs. But the principles are the same: You must open the blockings – through breath, asana, needles or massage. Then the body opens to energy.

What is your focus in your teaching method?
The balance of body, breath and mind. The body wants to be relaxed, the breath wants to flow and the mind wants to be still. When you have all three you can come to selfrealization. Sometimes I work more on one, because it is the easiest to work with the physical body, then you can work on breath and then on mind.

Dienstag, 12. April 2011

Max Strom im Interview: About Breathing

photo of Max Strom by: Christo Brock, www.maxstrom.com

Letztes Wochenende war Max Strom für einige Workshops nach Berlin gekommen, zu Spirit Yoga. Der „Lehrer der Lehrer“, wie er aufgrund seiner vielen internationalen Teacher Trainings oft genannt wird, brachte uns sein Unterrichtskonzept näher: seine Philosophie, Atemübungen, Asanas und Meditation. Wir reihten uns in die Zehntausenden von Studenten und ausgebildeten Lehrern ein, die er weltweit bereits unterrichtete. Von seiner Heimat Ashland, Oregon, aus reist er über 250 Tage im Jahr für seine Workshops durch die ganze Welt. Über seine drei Workshops, die ich besuchen konnte, werde ich anschließend noch berichten. Doch zunächst soll Max direkt zu Wort kommen. Ich hatte die Gelegenheit, ihn ein paar Fragen zu stellen:

Last weekend Max Strom came for some workshops to Berlin to Spirit Yoga. Theteacher of teachers“, as he is known for his many international teacher trainings, brought us closer to his teaching approach: his philosophy, breathing exercises, asanas and meditation. We lined up in the tens of thousands of trained students and teachers, he taught around the world already. From his homebase in Ashland, Oregon, he travels over 250 days a year for his workshops around the world. I am going to report about three of his workshops, which I was able to visit, but first it is Max right to speak. I had the opportunity to ask him a few questions:

What brought you to the topic of "breathing"?
Max:
When I started practising yoga, I had a teacher who emphasized breathing. Her name is Dena Kingsburg. She is
Australian and has been studying and practicing traditional Ashtanga yoga for over 20 years. She has been certified to teach by Sri K. Pattabhi Jois. She taught me how to breath. I started to notice, that teachers that work the most grounded and spiritual had the best breathing practices. The once with the most neurotic did not have these practices. So I startet to practice and began to feel the benefits of breathing like better sleep. And I started to feel freed of the prison of my own body.

How did you first experienced yoga?
My first yoga class was Qigong, chinese yoga, when I was 18 years old. I practised it for two years. The second time I took yoga was when I was 19. It was a cult. So I didn't came back for 13 years. That is why I tell new students, when they come the first time, that they are not
joining a cult, that we are not singing OM to a god and that they do not have to kiss a guru's feet. Then I went to a Hatha yoga class with a friend in Los Angeles – and I loved it! I continued practicing.

Where did you learn to teach?
I think it comes naturally. I took my first teacher training at YogaWorks in Los Angeles.

I asked some students what they would like to know about you and some asked how old are you?
54 years. I was born in 1956, July.

Thank you very much!

Was hat dich zu dem Thema „Atmung“ gebracht?
Max: Als ich anfing, Yoga zu praktizieren, hatte ich eine Lehrerin, die dieses Thema betonte. Ihr Name ist Dena Kingsburg. Sie ist Australierin und studiert und praktiziert traditionelles Ashtanga Yoga seit über 20 Jahren. Sie lernte von Sri K. Pattabhi Jois zu unterrichten. Sie hat mir beigebracht, wie man atmet. I begann zu merken, dass diejenigen Lehrer, deren Arbeit am fundiertesten und geistreichsten war, diejenigen waren mit der besten Atempraxis. Diejenigen, die am neurotischsten waren, hatten diese Praxis nicht. Deshalb begann ich auch zu praktizieren und merkte die Wohltaten der Pranayama-Praxis wie besserer Schlaf. Und ich begann mich befreit zu fühlen, befreit aus dem Gefängnis meines Körpers.

Wie bist du zu Yoga gekommen?
Meine erste Erfahrung war Qigong, eine Art chinesisches Yoga, das ich zwei Jahre übte. Als ich an das zweite Mal eine Yogaklasse nahm, war ich ungefähr 19. Da wurde ein richtiger Kult daraus gemacht, und deswegen bin ich 13 Jahre nicht mehr zum Yoga gegangen. Deshalb sage ich neuen Schülern stets, wenn sie das erste Mal kommen, dass sie nicht einem Kult beitreten, dass wir nicht OM an einen Gott gerichtet singen und dass sie nicht die Füße eines Gurus küssen müssen. Dann bin ich mit einem Freund in Los Angeles in eine Hatha-Yoga-Klasse gegangen – und habe es geliebt! Seitdem übe ich.

Wo hast du gelernt zu unterrichten?
Ich denke, das kommt aus mir heraus. Meine erste Lehrerausbildung habe ich bei YogaWorks in Los Angeles absolviert.

Ich fragte einige Schüler, was sie gern von dir wissen würden, und einige fragten: Wie alt bist du?
54 Jahre. Ich wurde 1956 im Juli geboren.

Vielen Dank!

Montag, 4. April 2011

Wu Wei, Mu Ga, Hanare, Aloha, Stoa, Vairāgya
Die weltweite Suche nach dem inneren Frieden

Was wollen wir mit Yoga erreichen? Was sind die Hintergründe von Yoga? Und wie vermittelt man Erfahrungswege weg von einer äußeren Schale, hin zum wahren Kern der Dinge, zu einem inneren Sein (Schlagwort: „Wie werde ich zum Fruchtfleischyogi?“). Das war die Frage des vergangenen Yoga-Philosophie-Wochenendes. Und so machten wir uns auf die innere Schatzsuche und fanden auch außerhalb des Yogas eine Menge Inspiration:

Wu Wei
Daoismus, Qigong: Wu Wei bedeutet nicht, dass man nicht handelt, sondern dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao (natürliches Ursache-Wirkung-Prinzip) entstehen und so das Notwendige getan wird, jedoch nicht in Übereifer und blindem Aktionismus, sondern leicht und mühelos ohne ein Eingreifen des dualistischen Intellekts. Wu Wei ist ein Zustand innerer Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens bewirkt.

Mu Ga
Zen-Buddhismus: Mu Ga ist der Zustand der Nichtwahrnehmung des Selbst (mittels körperlicher Aktivitäten). Mu in der Terminologie des Zen bedeutet ‚leer’, der Zustand von Mu ist das absolute Loslösen vom Ich, welches das wirkliche Sein hervorbringt.

Hanare
Kyudo - Kunst des japanischen Bogenschießens: Hanare ist der Abschuss oder das Auslösen mit der richtigen Technik, bis zu dem Punkt, wo es natürlich und ungewollt geschieht.
Grammatikalisch richtig bedeutet Hanare ‚losgelassen wurde’. Die Verbform drückt die Unabsichtlichkeit aus, dem ist die Form wie ‚ich habe losgelassen’ gegenübergestellt, welches absichtliches Handeln ausdrückt. Niemand kann vermeiden, seine Aufmerksamkeit auf das Hanare zu richten und sich diesem bewusst werden: Das ist bezeichnend dafür, dass das wirkliche und wesentliche Hanare noch nicht erlangt ist. Nach vielen Jahren des Trainings, Schritt für Schritt, verbunden mit der bewussten Entwicklung der Bewegung, kommt der Übende zu dem Punkt, an dem er den Abschuss ohne jede Absicht auszuführen weiß, nur unter der Herrschaft des tiefen wahren Seins, ein Zustand des Hanare, sodass der Pfeil mit der maximalen Präzision abgeschossen wird.

Aloha
Hawaii: Oftmals als respektvoller Gruß gebraucht, bedeutet das Wort auch "Liebe" als persönliche Begegnung (alo) mit dem Hauch des Lebens (ha). Zitat der Königin Liliʻuokalani: „Kein Hawaiianer hatte Erlaubnis dieses heilige Wort auszusprechen, ... es sei denn, er war mit seinem Gegenüber in Harmonie ...“

Stoa
Griechische Antike: Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt. Als Wegweiser dient dabei die eigene Vernunft; als Motivatoren fungieren der Selbsterhaltungstrieb und das Streben nach Selbstvervollkommnung (Oikeiosis). Nur ein lebenslanges Bemühen um Selbstformung, das auch den Herausforderungen von Schicksal und mitmenschlichem Umfeld standhält, schafft Aussicht auf Seelenruhe. Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Affektkontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften (Apathie), zu Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und Unerschütterlichkeit (Ataraxie) führen soll. Mark Aurel (römischer Kaiser 121-180): „Arbeite! Aber nicht wie ein Unglücklicher oder wie einer, der bewundert oder bemitleidet werden will. Arbeite oder ruhe, wie es das Beste für die Gemeinschaft ist.“

Vairāgya
Yoga: Pataňjali fasst in seinem Yoga-Sūtra 1.12 zusammen:
abhyāsavairāgyābhyām tannirodhaḥ

„Durch Üben und die Fähigkeit loszulassen kann unser Geist den Zustand Yoga erfahren.“
Swami Sivananda: „Vairagya ist Leidenschaftslosigkeit, nicht aber die Aufgabe sozialer Pflichten und Verantwortlichkeiten im Leben. Ein Vairagi (ein leidenschaftsloser Mensch) hat kein Raga Dwesha (Zu- oder Abneigung). Ein weltlicher Mensch ist Sklave dieser beiden mächtigen Ströme. Ein leidenschaftsloser Mensch hat eine andere Ausbildung. Er macht überhaupt eine andere Erfahrung. Er ist ein Meister in der Kunst oder Wissenschaft des Sichlösens von Nichtdauerhaftem und Vergänglichem. Ein leidenschaftsloser Mensch ist der stärkste, glücklichste und reichste Mensch auf der Welt.“

Freitag, 1. April 2011

Meine erste Qigong-Stunde

Markus ist Qigong-Lehrer in Berlin
Fotos: www.bewegen-ist-gold.de

Eckard Wolz-Gottwald spricht in seinem Yoga-Philosophie-Atlas von heutigem Patchwork-Yoga, das nicht nur die alten Traditionen hochhält, sondern auch westliche Praktiken wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training einbezieht. Der westliche Schüler sehe sich laut Wolz-Gottwald meist der Herausforderung gegenübergestellt, ohne Guru und den Glauben an eine einzige Wahrheit zurechzukommen. Er sammelt sich seine Inspirationen auf dem Yogaweg mühevoll zusammen – was Vor- aber auch Nachteile haben kann. Letztendlich laufe es laut Herrn Wolz-Gottwald, den ich dieses Wochenende im Rahmen meiner Yogalehrerausbildung kennenlernen darf, bei beiden Wegen doch auf ein und das selbe Ziel hinaus: den inneren Lehrer in sich zu finden. Denn weder die Bindung an einen Guru, noch das ledigliche Sammeln von Einflüssen könnten zur wahren Erkenntnis führen. Der Schüler muss schon selbst diese Erfahrung machen.

Nun, ich habe mich mehrfach hingesetzt, und versucht, meinem inneren Lehrer unvoreingenommen zu lauschen. Verbunden mit den Erfahrungen aus der Intensivwoche, kristallisierte sich vor allem eine Sache heraus, die er mir immer wieder riet: Lerne zu Sein. Nicht mehr zu wollen und zu müssen, sondern auf dem Weg des Seins mehr zu mir zu finden und zu spüren, was mir gut tut. Gerade durch die Intensivwoche ist mir bewusst geworden, dass ich weniger zu den Schülern gehöre, die angefeuert werden müssen und denen man noch mehr in die perfekte, kräftige und aufgerichtete Position helfen muss. Ich lerne, wenn der Yogalehrer da vorn steht und Sätze sagt wie: „Richtet euch noch mehr auf. Ziiiiiiieht durch die Fingerspitzen. Geht tiiiiiiefer in die Haltung!!!“, dass ich in der Regel eher ein kleines bisschen zurückgehe. Wie Irina mir so schön sagte: „Deine Komforthaltung ist die Angespanntheit und Verspanntheit, aus der du heraustreten musst.“ Ich habe den Eindruck, dass es vielen Karrierefrauen hier im Zentrum Berlins ähnlich wie mir geht. Wie oft sehe ich krampfhaft durchgedrückte Gelenke, überstreckte Knie und Ellenbogen, Frauen, die stolz drauf sind, sich besonders absurd verrenken zu können – und Frauen, die immer noch nach jahrelangem Yoga über Rücken-, Nacken- und Gelenkschmerzen klagen? Wie oft höre ich von Muskelfaserrissen und furchtbaren Muskelkatererfahrungen nach Yogastunden? Nun, ich bin eine von diesen Frauen!

Mein Mann, von den Erfahrungen eines Yogakurses gezeichnet („Es ist einfach furchtbar, wenn man der einzige Kerl im Raum ist, und dann soll man klatschnassgeschwitzt mit einer zarten 20-jährigen Studentin, die aus dem Stehgreif Spagat macht, Handstand als Partnerübung machen.“), nimmt mich mit in seine Qigong-Klasse. Ich schaue also auf meinem Patchwork-Weg noch weiter in den Osten.

Über die chinesischen Gesundheitsübungen habe ich schon einiges gehört, was sich für mich verlockend anhört: Energieströme fließen lassen und lenken zu können, neue Energie zu gewinnen und verbrauchtes Qi in gutes umzuwandeln, Blockaden zu lösen, Entspannung und Heilung. Die wenigen Übungen, die ich bereits kenne, wirken meiner Eigenart, immer etwas zu viel zu machen sowie zu über-strecken, -dehnen und -reizen entgegen. Mein Mann war sogar schon mit meiner Schwiegermutter, die Qigong-Lehrerin ist, in Beidaihe in China bei Dr. Liu Yafei (ich habe immer „Julia Fee“ verstanden), der Tochter von Liu Guizhen, dem Begründer des modernen Qigong. Die Ursprungstechniken entstammen einer jahrtausendealten TCM- und Kampfkunsttradition, wurden aber methodisch von Liu Guizhen erst in den 50er-Jahren zur Förderung und Stabilisierung des Energiehaushaltes und zur Behandlung von Krankheiten verwendet. Von der Reise brachte mir mein Mann ein paar Übungen und einen wunderschönen weißen Seidenanzug mit, der sein Dasein nun allerdings als Pyjama fristet (was wohl meine Mit-Yogis dazu sagen würden, wenn ich in dem Gewand zum Yoga käme?).

Das Qi ist in der chinesischen Medizin die Lebensenergie, die das ganze Universum durchdringt – ähnlich dem yogischen Prana. Störungen im Fluss oder der Qualität des Qi führen zu Krankheiten und Unwohlsein. Durch die Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsübungen soll das Qi im Körper gereingt und angereichert werden und der Durchfluss gefördert werden.

So weit zur Theorie. Nun ist es in Berlin weitaus schwieriger einen Qigong-Kurs zu finden als ein Yogastudio. Ich vertraue daher der Erfahrung meines Mannes und gehe in die Stunde von Markus, der das Zentrum für Qigong und Bewegung mit dem wunderbaren Namen „Bewegen ist Gold“ betreibt. Der Kurs findet im „Aikido Zentrum für Harmonische Bewegung“ statt. Nachdem ich mich umgezogen habe, trinke ich mit den anderen ein Glas grünen Tee, bevor wir in den großen Raum gehen. Was mir auffällt, ist die bunte Mischung der Teilnehmer: vom jungen, sportlichen Studenten bis zur Rentnerin, die Schwierigkeiten hat, zu stehen und deswegen fast alles im Sitzen macht. Wenn manche Yogastudios behaupten, ihr Yoga sei für alle, dann muss ich manchmal den Kopf schütteln. So eine heterogene Übungsgruppe habe ich beim Yoga selten getroffen. Meist gibt es doch eher separate Gruppen für Sportliche oder für Beeinträchtigte.

Es riecht vertraut nach Räucherstäbchen, durch die Fenster dringt die Frühlingssonne. An der Wand hängt nicht B.K.S. Iyengar oder Pattabhi Jois, sondern Meister Morihei Ueshiba. Der Fußboden ist weich gepolstert, wir werden also die ganze Stunde ein bisschen wie auf einem Schiff hin- und herschwanken. Alle legen sich noch eine Wolldecke unter – beim Qigong hat man es gern bequem und warm, weswegen ich mir schnell noch meinen Pulli hole.

Die Stunde beginnt mit einer Art Berghaltung. Obwohl die Füße zusammenstehen, müssen die Knie leicht gebeugt bleiben, damit das Qi fließen kann. Augen zu. Und dann wanken wir alle hin und her, während Markus ein paar entspannende Anweisungen gibt. Nach einer Weile begeben wir uns in die Grundstellung mit hüftweit gespeizten Beinen, wieder Knie anbeugen (gar nicht so leicht die ganze Zeit darauf zu achten!) und wieder Augen zu und Schwanken: „Stellt euch vor, ein silberner Faden zieht euch vom Kopf aus nach oben und ein zweiter Faden vom Steißbein nach unten. Richtet die Wirbelsäule auf, Knie gebeugt!“ Upps, da waren die Knie doch schon wieder durchgestreckt. „Steht nicht stramm, sondern wie eine Wasserpflanze, die in einer leichten Wasserströmung hin und hertreibt, die Füße festverankert. Beugt Ellenbogen und Knie leicht an, schafft Platz unter den Achselhöhlen. Alles wird rund und schwerelos.“ So langsam fühle ich mich wie wabernder Pudding, eine große runde Masse und durch meine Arme und Beine kribbelt es angenehm. Obwohl man fast nix macht und stillsteht, sind es diese Mikrobewegungen, die den Körper entspannen. Das Stehen wird im Qigong oft als „Sitzen in der Luft“ bezeichnet. Deswegen heißt es immer wieder: „Setzt euch in die Wolken!“

Danach ausschütteln. Mit Augen zu ... ohne schummeln. Füße bleiben fest auf dem Boden. „Schütteln, wie ein Baum, der im Frühlingswind die letzten abgestorbenen Blätter abwirft!“ Wenn man denkt, es könnte jetzt mal genug sein: Weiterschütteln!

Danach machen wir einige Dehnübungen, die ich so ähnlich auch aus dem Yoga kenne (z.B. Arme hinter dem Rücken zusammenbringen, vorbeugen und Schulter öffnen – allerdings verschränken wir nur die Daumen, und die Zeigefinger berühren sich!). Markus erklärt sie allerdings zusätzlich mit Meridianen, den Energiebahnen des Körpers, die wir dadurch aktivieren (Lunge, Dickdarm, Leber und Gallenblase – passend zum entgiftenden Frühlingsthema der Stunde). Ich freue mich bereits auf den Meridian-Yoga-Workshop bei Home Yoga (siehe Seitenleiste!).

Anschließend aktivieren wir das Qi, und öffnen und schließen das untere Dantian. Dieser Bereich unterhalb des Nabels, ist das wichtigste Energiezentrum des Körpers und Sitz des Qi. Nach der Grundhaltung bringt man die Hände vor den Unterbauch, als ob man einen Ball hält. Die Hände werden Finger für Finger, beginnend mit dem Daumen, umgedreht, sodass die Handrücke zueinander zeigen. Die Arme gleiten auseinander („den Vorhang öffnen“), dann wieder Handflächen zu einanderzeigen lassen (kleiner Finger beginnt die Drehung) und den „Vorhang schließen“, Hände übereinander auf das untere Dantian legen, nachspüren. Immer wieder sammeln wir nach den Übungen das Qi, streichen an unserem Körper herunter und verteilen das Qi.

Markus legt die Hände auf das untere Dantian,
das Energiezentrum des Körpers

Wir beginnen Atem und Bewegung zu synchronisieren. Bei der Einatmung wird das Gewicht auf den Vorderfuß verlagert, wir steigen, bei der Ausatmung nach hinten auf die Ferse, wir sinken. Das ganze ist mit einer kaum merklichen Auf- und Abbewegung verbunden (Knie nie durchstrecken). Die Hände steigen mit Abstand vor dem Körper bis auf Brusthöhe, Handgelenke entspannt, werden wie in einer Welle vor den Körper herangezogen und sinken, als wenn man mit den Händen die Welle streichelt, wieder ab. Nach einer Weile mit geschlossenen Augen, meine ich eine einzige Welle zu sein und erfahre, was bewegte Meditation sein kann und wie ruhig sie mich innerlich macht. Toll!

Abschließend lernen wir eine Übungsreihe, die sich Tai Yi Yuan Ming Gong nennt – die Übung vom Ursprünglichen Licht. Laut dem Merkblatt, was ich hinterher bekomme, ist diese Übung eine der wenigen traditionellen Qigong-Übungen aus der Tang Zeit (618-907). Beim Lesen dieses Merkblatts bekomme ich einen Eindruck, wie vielschichtig die scheinbar einfachen Übungen sind. Ich zitiere mal zur Grundhaltung:

„Mit den verschränkten Händen das Dantian versiegeln: Ausgangsstellung: Schulterbreiter Stand, die Knie sind locker gebeugt, die Lendenwirbelsäule ist aufgerichtet, Brust und Halswirbelsäule sind aufrecht. Der höchste Punkt am Scheitel scheint mit einem silbernen Faden am Himmel aufgehängt. Die Arme hängen entspannt herunter, die Ellenbogen sind etwas nach außen gerichtet. Der Kopf wird aufrecht gehalten, das Kinn leicht nach innen gezogen. Ein Lächeln auf das Gesicht zaubern und zum unteren Dantian schicken. Beide Hände übereinander auf den Bauch legen, sodass der Daumen der unteren Hand auf dem Bauchnabel liegt. Bei Frauen ist die rechte Hand unten, bei Männern die linke. In Gedanken die Punkte „Schulterbrunnen“ auf beiden Seiten in der Mitte der Schulter und „Sprudelnde Quelle“ unter den Fußsohlen miteinander verbinden. Den höchsten Punkt auf der Schädeldecke Bai Hui mit dem Kreuzbein und dem Punkt Hui Yin, in der Mitte zwischen dem „vorderen Yin“ und dem „hinteren Yin“ verbinden, dann das Qi in das untere Dantian sinken lassen. Geist und Wille ziehen sich von außen nach innen zurück: mit einem Lächeln schauen und doch nicht wahrnehmen. Natürlich atmen. Die Zungenspitze ist nach oben gerichtet und berührt den Gaumen. Die Augen bleiben während der ganzen Übung geöffnet, sie nehmen auf, aber erkennen nichts, nehmen nichts bewusst wahr: Wu Wei, nichts unterscheidend wahrnehmen, nichts bewusst erreichen wollen.“

Und während der ganzen Zeit steht man eigentlich nur still...
„Wu Wei“ – das klingt allein schon schön, wenn man es nur still vor sich hinspricht.

Die anschließende Bewegungsfolge kann ich mir ganz gut merken. Vor allem durch die bildreichen Anweisungen. Vor meinem inneren Auge, halte ich Sonne und Mond in den Händen, vereine sie und lasse mich von ihrem Glanz erhellen. Zum Abschluss legen wir uns alle hin und praktizieren Jing Gong. Das heißt, wir stellen uns die gleiche Bewegungsfolge nur vor und liegen dabei auf dem Rücken. Ich schaffe es wirklich gut, in Gedanken dranzubleiben und nicht abzuschweifen. Vielleicht sollte ich öfter so meditieren?

Nach der Stunde unterhalte ich mich kurz mit Markus über meine Eindrücke. „Ich glaube, dass Yoga und Qigong viele Gemeinsamkeiten haben und sich gut ergänzen. Im Yoga ist man mehr auf Dehnung und Kräftigung aus, im Qigong geht es eher um das Loslassen und Fließenlassen der Energie.“ Sein Kollege Alexander Agricola, ebenfalls Qigonglehrer, Geschäftführer des Zentrums sowie Kursleiter für Autogenes Training, Entspannungstrainer für Kinder,
gelernter Koch und Ernährungsberater nach der TCM ergänzt: „Ja, man könnte Qigong als bewegte Meditation beschreiben. Manchen Yogis fehlt ein bisschen das Streching. Nach der 5-Elemente-Lehre entsprechen solche Menschen, zu denen ich mich im Übrigen auch mit zähle, dem Element Holz. Neben dem Wachstum sind Flexibilität – wie der Bambus im Wind – und Verwurzelung wichtige Funktionen des Holzes. Wachstum kann nur geschehen, wenn wir flexibel bleiben und uns auf neue Situationen einlassen können. Bei dir sehen ich da auch eine Menge Holz.“ Ich muss schmuzeln bei dieser Bemerkung. Ja, dass darf nur Alexander mir sagen!

Ich werde auf jeden Fall wiederkommen, denn nach der Stunde fühle ich mich wunderbar leicht und erholt. Ich nehme mir vor, etwas von dieser Durchlässigkeit und Leichtigkeit auf meinen Yogaweg und später in meine Art zu unterrichten mitzunehmen.

Mein Fazit: Qigong ist für Yogis eine tolle Ergänzung. Jeder, wirklich jeder, kann Qigong üben. Bei „Bewegen ist Gold“ wird auf alle individuell eingegangen. Zusätzlich sollte man m.M.n. noch etwas für den Muskelaufbau und die Dehnung des Körpers machen.

Infos:

Markus Langenecker
Tel. 030-65 70 32 31
www.bewegen-ist-gold.de
Kursort: Aikido Zentrum für Harmonische Bewegung
Milastr. 4
10437 Berlin (Prenzlauer Berg)

Diverse Kurse: verschiedene Qigong-Stile, Rückenschule, Nordic Walking, Progressive Muskelentspannung, Kochkurse, Kinder- und Seniorenkurse. Preisbeispiele: Probestunde € 5, 10-Wochen-Kurs € 120 (krankenkassenbezuschusst), Monatskarte (2x pro Woche) € 40

 
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