Mittwoch, 16. März 2011

Spirit Yoga - Teacher Training
Der letzte Tag

Spirit Yoga Berlin Teacher Training
Tag 9
Freude, Abschiedsschmerz & Wissen

Heute morgen raunt es durch den Raum: „Wie soll ich nur morgen wieder zur Arbeit gehen?“ „Ich habe keine Ahnung, wie ich aus dieser Yogablase rauskommen soll!“ Es wird schwer fallen, morgen in einem Meeting oder im Gespräch mit Kollegen dieses seelige Grinsen aus dem Gesicht zu bekommen. Ich stelle mir vor, wie ich meiner Chefin strahlend in die Augen schaue und ihr sage: „Ich liebe dich, so wie du bist. Wir sind eins.“ Ich glaube, das würde sie nicht verstehen oder das käme irgendwie komisch an.

Viele von uns beginnen darüber nachzudenken, wie sie ihre Tätigkeit als Yogalehrer mit ihrem Beruf und ihrem Alltag vereinen können. Die tragischen Ereignisse in Japan dringen so langsam durch den Kokon, in dem wir in den letzten Tagen gelebt haben. Die Welt da draußen sieht anders aus als vor diesen zehn Tagen.

Die Praxis mit Patricia heute ist auf Freude ausgelegt. Keine anstrengenden Haltungen (was nicht heißen soll, dass wir nicht ins Schwitzen geraten), alles fließt. Nach genau so einer Yogastunde hat sich mein Körper gesehnt, auch wenn ich fühle, dass ich die letzten Tage korrekter Ausrichtungen, anstrengender Bauchübungen und komplizierter Verdrehungen gebraucht habe. Und das anatomische Hintergrundwissen hilft, um persönliche Schwachstellen auszuloten.

Danach wieder Anatomie. Immer wieder nehmen wir „Ben“ – unseren knochigen Freund – auseinander. Betrachten die unterschiedlichen Wirbelkörper, bedauern seinen Bandscheibenvorfall, stöhnen mitfühlend auf, wenn Lilla seine Wirbelsäule in verschiedene Richtungen staucht und müssen leider lernen, dass ab dem vierten Lebensjahr die Bandscheiben degenerieren. Danach begutachten wir gegenseitig unsere Rücken und versuchen unser Gegenüber in einen perfekten Drehsitz zu manövrieren. Gar nicht so einfach. Irgendwie fühle ich mich hinterher ziemlich verkrüppelt.

So richtig gehen will ich nach der Verabschiedungsrunde nicht. Man verabredet sich zu Übungstreffen und Yogastunden, aber trotzdem werden wir so eine intensive Zeit gemeinsam nicht so schnell noch einmal erleben. Alle freuen sich schon auf das Wochenende, bei dem unsere Ausbildung weitergeht. Ein bisschen Abschiedsschmerz macht sich breit. Aber auch die Freude darüber, so viele tolle neue Freunde gefunden zu haben.

Einen Tag später begegene ich Jo in der Praxis von Lilla. Grinsend umarmen wir uns. Jeder hat ja so seine Schwachstellen und Verspannungen, und die magischen Hände von Lilla haben uns beeindruckt (mal kurz hier massiert und schon legt sie einen Muskel lahm oder aktiviert etwas, was noch nie da war). Wie sehr ich in meiner Yogablase immer noch bin, zeigt das verständnislose Gesicht meines Mannes, als ich ihm erzähle, dass es Yogatherapeuten gibt. „Was? Ich dachte, Yoga sei dazu da um einen gesund zu machen?“ Dass Yoga Grenzen hat, dass die Verantwortung für den eigenen Körper einem niemand abnehmen kann und dass leider auch ich nicht davor gefeiht bin, meine eigenen Grenzen nicht zu kennen oder zu überschreiten (und dass dadurch dann Verletzungen entstehen), dass habe ich auch durch diese Woche gelernt. Zum Glück renkt mich Lilla wieder ein. Als Yogalehrer hat man eine Menge Verantwortung. Und ich möchte weiter lernen, damit ich diese Verantwortung tragen kann.

Spirit Yoga - Teacher Training
Der achte Tag

Unser Freund „Ben“
Foto: Christine Schmidt/pixelio.de


Tag 8
Zusammenhalt

Patricia hat heute einen Tag frei, und wir beginnen mit Irina und Valentin. Fünf Minuten OM-Meditation. Immer wieder feuert die kräftige Stimme Valentins das abebbende OM an. Wir stellen uns in einem großen Kreis auf, die Matten überlappen sich vorn. Immer wieder legen wir unseren Nachbarn die Arme z.B. im Krieger 1 und 3 auf die Schultern und fühlen, wie die Gruppe sich gegenseitig trägt. Ein schönes Sinnbild für die ganze Woche. Niemand hat versucht, sich irgendwie in den Vordergrund zu spielen. Alle wurden vom sanften Bett der Gruppe aufgefangen. Umarmungen gab es für jeden. Die Stunde wird immer schweißtreibender. Langsam frage ich mich, wie ich denn jetzt noch Partnerübungen machen soll (die Bilder vom Acroyoga auf dem Yogafestival im Kopf). Doch als wir uns in Zweigrüppchen zusammenfinden, geht es um Massagetechniken. Toll. Sanft wandern wir mit den Händen im Elefantengang den Rücken unseres Partners rauf und runter, wiederholen das Ganze im Sitzen mit den Füßen, während die Arme sanft nach hinten gezogen werden und schütteln uns gegenseitig die Hüften aus (heute Abend wird sich mein Mann, gerade aus seinem Zwangsurlaub zurückgekommen, das erste Mal freiwillig als Versuchskaninchen melden).

Anschließend haben wir bis abends Anatomieunterricht bei Lilla und gehen u.a. die verschiedenen Atemhilfsmuskeln durch. Der Körper als Wunderwerk der Evolution, schon erstaunlich wie das alles zusammenspielt...

Spirit Yoga - Teacher Training
Der siebte Tag

Tag 7
Spaß

Die Praxis heute ist an vielen Stellen auf Partnerübungen ausgelegt. Den ganzen Tag über, der auch gespickt ist mit Vorträgen z.B. über Pathabi Jois & Ashtanga Yoga, Iyengar Yoga, Sivananda, Bikram und Yoga in den Medien korrigieren wir uns, betrachten den Atem des anderen, dehnen und üben Massagegriffe. Solangsam merke ich, dass ich vieles nach dieser Woche noch einmal üben und wiederholen muss. Ganz schön konzentriert und vollgepackt mit Erfahrungen und Wissen.

Dienstag, 15. März 2011

5 Fragen an (Berliner) Yogalehrer: Adam Rice

Adam Rice Spirit Yoga Berlin
Dass Adam ein äußerst charismatischer Lehrer ist, habe ich nicht zuerst im Teacher Training von allen Seiten gehört. Aber erst vor ein paar Wochen habe ich das erste Mal eine Stunde im Spirit Yogastudio West bei ihm besucht und war von seiner sympathischen Art sofort begeistert. Immer wieder weist er in seinem charmanten Mix aus Deutsch und Englisch darauf hin, dass jeder Mensch einen wunden Punkt hat, der weh tut, und dass wir während der Praxis immer wieder unsere Aufmerksamkeit und unseren Atem dorthin lenken sollen. Außerdem ermuntert er uns zu versuchen, einen Tag einmal völlig präsent zu sein in allem was wir tun. Ich hab's wirklich mehrfach versucht. Es ist gar nicht so leicht, beim Geschirrspülen, Essen oder auf dem Weg ins Büro immer hier zu bleiben.

Adam – auch bekannt unter seinem Yoganamen „Ram Das“ – stammt ursprünglich aus Jacksonville Beach, Florida, USA, wo er von Shri Divyananda Saraswati Maharaj, seinem Guru, im Integralen Yogastil unterrichtet wurde. Ich wollte noch mehr über den lizensierten Reiki Practitioner und weltweit – u.a. in Amerika, Europa und Costa Rica – unterrichtenden Yogalehrer wissen. Und so stellte ich auch ihm meine fünf Fragen:

1. How did you get into Yoga?

Like many people, I came to yoga first for the physical benefits. I had been playing sports all my life (mostly soccer) and had been very tough on my body. As a result, I suffered from chronic neck pain and headaches. I was seeing a chiropractor and massage therapist 3x a week, and this when I was only 26 years old! One day, my massage therapist said "Adam, I could treat you every day and it wouldn't solve your problem. You need to do something to structurally change your body." She mentioned that she was taking yoga and invited me to come with. The first class I took was in 'Integral Yoga' and I remember being surprised at how challenging it was. When I walked out of that class, I felt, for the first time in my life, that my feet were truly planted on the ground. I had that yoga 'high' and knew that I wanted more. That was back in 1999.

2. Where and with whom you have completed your training as a yoga teacher?

Back when I began yoga, there were very few schools offering a formal 'Ausbildung', especially where I lived in Florida. So, I guess you could say I took a very traditional route in 'learning by doing'. I studied under different teachers, and experimented with various styles, until I found a home in Vinyassa yoga. This journey, and the fact that I did not do a formal training, has allowed me to develop my teaching practice based on my own experiences and with what resonates with me, rather than relying on the dogma of one particular style or teacher. To be honest, I never really planned on becoming a teacher. The first class I ever taught was completely by accident. I had been only practicing about 9 months when my girlfriend at the time, who was also my yoga teacher, was sick one day and asked if I would just fill in for her at the fitness studio she taught at. I remember hastily writing down a series on a piece of yellow paper and hiding it under the corner of my mat. When the students were in downdog and couldn't see me, I would lift the mat up and peek at the notes to remember what came next! It was after that first class that I experienced the joy of sharing my abilities with others, and feeling the gratitude for that sharing, that set me on the path to continue to teach, which I've been doing for 11 years now.

3. What you put special emphasis in your teaching?

2 things: Power and Authenticity

One of my mantras in teaching is 'Peace through Power'. That is, learning to achieve peace through connecting to, and rediscovering the power within you. We are all warriors, we are all Gods and Goddesses. But many of us have forgotten this along this very difficult path we call Life. It's easy in today's world to lose power, and the result is we lose our self-confidence, our self-worth, and our self-love. We worry about things that are beyond our control. We dwell in the past or think about the future - neither of which actually exist. And we forget that we always have a choice - we can CHOOSE how to live our lives. This includes choosing to be stuck in an unhappy relationship or to leave and spread your wings and be free. We can choose to stay in that crappy job that we hate, or to take a chance and follow our dreams. You can choose to live your life from a place of stress, sadness and pain. Or you can choose to live your life from a place of strength, and courage and power. I've tried to develop a powerful class that helps people to reconnect to their inner strength so they can have more choice over how they live their lives.

Additionally, I think the absolute most important thing for any teacher is to be authentic and to teach from their heart. I see many young teachers who get up there and basically are a clone of their teachers. They try to emulate them not only in style, but in voice, in their choice of series, even in their facial expressions! While it's very important to have a base from which to start, if you are emulating someone else's style, you are not being true to yourself. And this comes across to students, who are very good at feeling when someone is not being authentic. When I stand before a class, I try to be 100% present and 100% ME. Even if some of ME is not as polished or perfect as another, that's okay. No one is perfect! Leave your ego at the door and be yourself when you teach, AND when you practice.

4. The path of yoga is never finished. What are you working on?

The asana practice is simply a preparation. The real gifts of yoga are in meditation. I have moved much more into this direction, as this is the natural progression of the yoga practice. Although I've experienced many different techniques, I have found those by Osho (one of my Masters) to be especially powerful for me. They were really designed for our Western minds, which are so overstimulated that it's difficult just to sit in silence and 'think of nothing'. Through these meditations I have discovered tremendous joy and peace.

5. Your favorite mantra and your favorite asana?

My favorite mantra is to Shiva: Om Nama Shivaya. This was given to me by my guru, Shri Divyananda Saraswati Maharaj, and represents transformation. The destruction of the old patterns so that the new, more aware and conscious soul can arise. I even have it tattooed on my arm!

My favorite asanas are the arm balances. They are all about learning that you can support yourself, and that you're stronger than you think. They are very tricky because they challenge you to do something that you think you can't. Everyone says, "I can't do that, my arms are too weak". This is really a reflection of what they feel about themselves. They're really saying "I'm too weak and I'm scared". But when you show them that it's all about getting to know your body, about using it to support itself, rather than forcing it with brute strength, then you see the transformation. When a student comes up into Bakansana (crow) for the first time, the joy on their faces and the sense of accomplishment is something they will take with them for the rest of their lives.

1. Wie bist du zum Yoga gekommen?

Wie viele Menschen kam ich zunächst wegen der körperlichen Vorteile
zu Yoga. Ich habe mein ganzes Leben lang Sport getrieben (meist Fußball) und war körperlich sehr hart. Als Folge litt ich an chronischen Nacken- und Kopfschmerzen. Ich traf meinen Chiropraktiker und meine Masseurin dreimal pro Woche – ich war gerademal 26 Jahre alt! Eines Tages sagte meine Masseurin: „Adam, ich könnte dich jeden Tag behandeln und es würde dein Problem nicht lösen. Du musst etwas tun, um deinen Körper strukturell zu ändern.“ Sie erwähnte, dass sie Yogastunden nahm und lud mich ein mitzukommen. Die erste Klasse hatte ich in Integralem Yoga. Und ich erinnere mich, wie überrascht ich war, dass die Stunde so herausfordernd war. Als ich da rausging, fühlte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass meine Füße wirklich geerdet waren. Ich hatte zum erstenmal dieses Yoga-High und wusste, dass ich mehr wollte. Das war im Jahr 1999.

2. Wo und bei wem hast du deine Ausbildung zum Yogalehrer absolviert?

Als ich mit Yoga begann, gab es nur sehr wenige Schulen, die eine formale Ausbildung anboten – vor allem in Florida, wo ich damals lebte. Man könnte sagen, ich fand einen sehr traditionellen Weg im „learning by doing“. Ich studierte bei verschiedenen Lehrern und experimentierte mit verschiedenen Stilen, bis ich eine neue Heimat im Vinyassa Yoga fand. Diese Reise und die Tatsache, dass ich keine formelle Ausbildung absolviert habe, erlauben mir, meine Unterrichtspraxis auf meinen eigenen Erfahrungen und dem, was an Resonanz in mir schwingt,
aufzubauen. Meine Praxis basiert deshalb nicht auf dem Dogma eines bestimmten Stils oder Lehrers. Um ehrlich zu sein, habe ich nie wirklich geplant ein Lehrer zu werden. Die erste Klasse, die ich je gegeben habe, entstand komplett durch einen Zufall. Ich hatte gerade einmal neun Monate praktiziert, als meine damalige Freundin (sie war auch meine Yoga-Lehrerin) krank wurde und mich fragte, ob ich für sie in dem Fitness-Studio einspringen könnte, in dem sie unterrichtete. Ich erinnere mich noch, wie ich hastig eine Übungsreihe auf ein Stück gelbes Papier kritzelte und es unter der Ecke meiner Matte versteckte. Wenn die Schüler im Downdog waren und mich nicht sehen konnten, hob ich die Matte und warf einen Blick auf die Notizen, um mich zu erinnern, was als nächstes kommt! Nach dieser ersten Klasse erlebte ich zum ersten Mal die Freude, meine Fähigkeiten mit anderen teilen zu können, und das Gefühl der Dankbarkeit dafür. Das hat mich weiter auf den Weg gebracht zu unterrichten, was ich nun seit elf Jahren mache.

3. Worauf legst du in deinem Unterricht besonders großen Wert?

Zwei Dinge: Kraft und Authentizität.

Eines meiner Mantras ist „Frieden durch Kraft“. Das bedeutet, Frieden durch eine Verbindung mit anderen zu erreichen und die Wiederentdeckung der Kraft in dir. Wir sind alle Krieger, wir sind alle Götter und Göttinnen. Aber viele von uns haben das auf ihrem sehr schwierigen Weg, den wir Leben nennen, vergessen. Es ist in der heutigen Welt einfach, den Mut zu verlieren. Das Ergebnis ist, dass wir unser Selbstbewusstsein
verlieren, unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstliebe. Wir machen uns Sorgen über Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Wir leben in der Vergangenheit oder denken über die Zukunft nach – beides existiert eigentlich gar nicht. Und wir vergessen, dass wir immer eine WAHL haben – wir können entscheiden, wie wir unser Leben leben. Das umfasst auch die Wahl, in einer unglücklichen Beziehung festzustecken oder sie zu verlassen, unsere Flügel auszustrecken und frei zu sein. Wir können wählen, in dem beschissenen Job, den wir hassen, zu bleiben oder unsere Chance zu ergreifen und unseren Träumen zu folgen. Du kannst wählen, in einer Welt aus Stress, Trauer und Schmerz zu leben. Oder du kannst wählen, dein Leben aus Stärke, Mut und Kraft heraus zu leben. Ich habe versucht, eine kraftvolle Praxis zu entwickeln, die Menschen hilft, ihre innere Stärke wiederzufinden, sodass sie mehr Wahlmöglichkeiten haben, wie sie ihr Leben leben möchten.

Außerdem denke ich, das absolut Wichtigste für jeden Lehrer ist, authentisch zu sein und aus dem Herzen zu lehren. Ich sehe viele junge Lehrer, die im Grunde ein Klon von ihren Lehrern
sind. Sie versuchen, nicht nur ihren Stil nachzuahmen, sondern auch die Stimme, die Wahl ihrer Asana-Serie – sogar die Mimik! Auch wenn es sehr wichtig ist, eine Basis zu haben, von der aus man beginnen kann – wenn man jemand anderen nachahmt, ist man sich selbst nicht treu. Und das merken die Schüler, die sehr genau fühlen, wenn jemand nicht authentisch ist. Wenn ich vor einer Klasse stehe, versuche ich zu hundert Prozent präsent zu sein und zu hundert Prozent ICH. Auch wenn einiges von MIR nicht so perfekt und poliert ist, ist das okay. Niemand ist perfekt! Lass dein Ego vor der Tür und sei du selbst, wenn du unterrichtest UND wenn du praktizierst!

4. Der Yogaweg ist nie zu Ende. An was arbeitest du gerade?

Die Asana-Praxis ist nur eine Vorbereitung. Die wirkliche Gabe des Yoga liegt in der Meditation. Ich habe mich viel mehr darauf ausgerichtet, da das auch die natürliche Entwicklung der Yoga-Praxis ist. Obwohl ich viele verschiedene Techniken ausprobiert habe, sind die von Osho (einer meiner Lehrmeister) besonders kraftvoll für mich. Sie sind wirklich für unseren westlichen Geist gemacht, der so überreizt ist, dass es schwierig ist, nur in Stille zu sitzen und „an nichts zu denken“. Durch diese Meditationen habe ich enorme Freude und Frieden gefunden.

5. Dein Lieblingsmantra und deine Lieblingsasana?

Mein Lieblings-Mantra ist an Shiva gerichtet: Om Nama Shivaya. Es wurde mir von meinem Guru Shri Saraswati Maharaj Divyananda vermittelt und bedeutet Transformation – die Zerstörung alter Mustern, sodass die neue und bewusste Seele entstehen kann. Ich habe das Mantra sogar als Tattoo auf meinem Arm!

Meine Lieblings-Asanas sind die Arm-Balancen. Dabei geht es immer darum zu lernen, dass man sich selbst stützen kann, und dass du stärker bist als du denkst. Sie sind sehr verzwickt, weil sie dich herausfordern etwas zu tun, was du meinst nicht zu können. Jeder sagt: „Ich kann das nicht, meine Arme sind zu schwach.“ Das ist wirklich ein Spiegelbild dessen, was man über sich denkt. In Wirklichkeit sagen sie: „Ich bin zu schwach, und ich habe Angst.“ Doch wenn man ihnen zeigt, dass es nur darum geht, den Körper zu kennen und ihn so einzusetzen, dass er sich selbst trägt anstatt ihn mit roher Gewalt zu zwingen – dann siehst du die Transformation. Wenn Schüler zum ersten Mal in Bakansana (Krähe) kommen, ist die Freude auf ihren Gesichtern und das Gefühl der Erfüllung etwas, was sie für den Rest ihres Lebens bei sich tragen.

Montag, 14. März 2011

Spirit Yoga - Teacher Training
Der sechste Tag


6. Tag
Balance


Nachdem wir gestern etwas auseinandergenommen wurden, hat jeder so ein bisschen mit sich zu tun. Einige fragen sich: „Hab ich das jetzt richtig verstanden, an was ich arbeiten soll?“ Mit etwas Abstand betrachtet (ich schreibe das hier um ein paar Tage versetzt), muss ich sagen, dass so eine Intensivwoche „nicht ohne“ ist und auch an Grenzen geht. Immer wieder erinnern uns Patricia, Irina und Lilla, dass wir weder Psychologen noch Physiotherapeuten werden. Yoga hat Grenzen! Ich beginne zu erahnen, wie wichtig diese Grenzen sind und wie wichtig der Ratschlag ganz zu Beginn unserer Ausbildung war: „Wenn ihr psychische Probleme habt, sucht euch Hilfe außerhalb dieser Ausbildung bei einem guten Therapeuten. Wenn es irgendwo wehtut, dann geht zum Arzt!“ Es kann bei manchen Menschen sicherlich gefährlich werden, ihre Schutzmauern auf diese Art und Weise aufzubrechen. Wer fängt sie hinterher auf, wenn sie am Montag wieder zur Arbeit gehen müssen oder abends allein auf dem Sofa sitzen, ohne zu wissen wohin mit all den Gefühlen? Wer übernimmt die Verantwortung? Es ist ungeheuer wichtig, mit sich selbst achtsam, liebevoll und verantwortungsvoll umzugehen. Und manchmal kann das auch ein „STOPP“ bedeuten. Eine Lehre, die ich als angehender Yogalehrer an meine Schüler weitergeben möchte. Grenzen austesten – ja. Sich für neue Erfahrungen öffnen – gut. Etwas Neues über sich lernen – toll. Feedbacks wichtig nehmen – unbedingt. Man muss nur aufpassen, nicht auseinanderzubrechen oder sich dabei selbst zu verlieren.

Patricia gibt sich am sechsten Tag sichtlich Mühe, alles wieder auszubalancieren. Das Thema der Asanas sind deshalb auch Balance-Übungen. Ich werde innerlich ruhiger und gelöster. Es folgen weitere Hands-on-Übungen, Vorträge zu Themen wie Kosas, Kundalini Yoga, Shiva und Shakti. Irgendwann stehe ich vor allen Teilnehmern und sage das erste Mal vor allen zusammen einen Sonnengruß an. Es ist beeindruckend, wenn 42 Menschen, auf meine Ansage hin atmen und die Arme heben. Wow, was für eine Energie!

Sonntag, 13. März 2011

Spirit Yoga - Teacher Training
Der fünfte Tag


Tag 5
Öffnen


Als Patricia ganz in Weiß den Raum betritt, schwant mir Böses. Was hat das zu bedeuten? In der Meditation gelingt es mir das erste Mal, die Augen geschlossen zu halten, ohne in dunkle Sphären abzugleiten. Meine Hände verschmelzen mit den Knien, meine Füße (die natürlich wieder einschlafen) werden endlos lang. Hinter meinen Augen tanzen Lichtkreise. Wie ein Ozean rauscht das Atmen durch den Raum, auch jetzt, wo alle ganz normal atmen. Ich habe das Gefühl, ein unsichtbarer Lehrer legt mir liebevoll seine Hände auf die Schultern und begleitet mich. Das erste Mal bekomme ich einen Einblick, was für eine wunderbare Stille Meditation kreieren kann.

Die Praxis danach bringt mich an meine Grenzen. Über die Wirkungen von Hüftöffnern kann man ja vieles nachlesen. Doch was heute die diversen Tauben, Spagat, Feuerfliegen, Schmetterlinge und schlafenden Yogis (Patricias Kommentar: "Wie ein Hähnchen in der Tiefkühltruhe") bei mir anrichten, kann ich kaum beschreiben. Vieles geht heute gar nicht, ein alter Muskelfaserriss macht sich bemerkbar. Also tut es schon mal weh und Frustration macht sich breit. Als ich in der Taube liege, frage ich mich, was da so nass in meinem Gesicht ist. Mir rollen die Tränen die Wangen herunter. Allerdings ohne jegliche Dramatik, ohne Enge in der Kehle, ohne Schluchzen. Wie eine körperliche Reaktion, wie Schwitzen. Kurios.

Nach einer etwas längeren Mittagspause treffen wir uns zu unserer Stunde mit Patricia. Die anderen Gruppen, die das schon hinter sich haben, sind verschwörerisch verschwiegen geblieben. Was nun folgt, wird auch unser kleines Geheimnis bleiben. Nur so viel: Jeder hat daraus etwas sehr Persönliches und Wertvolles mitgenommen. Vieles war unglaublich berührend. Ich habe gelernt, dass die Frage "Wer bin ich?" gern auch offen bleiben darf. Und dass "einfach zu sein" eine Aufgabe sein kann.

Spirit Yoga - Teacher Training
Der vierte Tag


Foto: www.hudelnudel.at
Tag 4
Lachen

Es ist Dienstag und der Schlafmangel macht sich langsam bemerkbar. Allen anderen geht es ähnlich: Kaffeemangel, das frühe Aufstehen, der Muskelkater, die Zweifel. In der Meditation, in der ich mehrfach die Augen öffne, habe ich merkwürdige Eindrücke aus den Augenwinkeln. Obwohl alle still sitzen und die Augen geschlossen halten, meine ich Bewegungen zu sehen. Meine Fantasie spielt mir einen Streich. Ich stelle mir vor, wie Patricia uns alle beobachtet. Kriege ich jetzt Verfolgungswahn? Ich will mich ständig räuspern. Immer wieder rutschen meine Gedanken ab, und ich denke über den Sinn des Ganzen nach. Wie soll ich das jemals in meinen Alltag integrieren? Heute ist Weltfrauentag. Ich sollte meine Mutter anrufen...

In der anschließenden Inspirationsrunde stellt Patricia die Frage, wie wir aus unserer Wesensidentität heraus handeln können. Ich frage mich die nächsten fünf Minuten, was diese verflixte Wesensidentität wohl ist. In der Asana-Praxis stehen heute Umkehrhaltungen auf dem Plan. Ich merke, wie gut durchdacht die täglichen Übungen aufeinander aufbauen. Hätte ich gestern meine Handgelenke nicht so stabilisiert, dann würde mir der Handstand heute nicht so leicht fallen. Toll. Vielen gelingen so einige Sachen, die normalerweise schwer fallen. Sogar mein Skorpion biegt sich ansehnlich in den Raum, und dank Klemens' toller Hilfestellung habe ich einen schönen Moment des Schwebens. Danke!

Der weitere Tag ist gespickt mit Vorträgen, u.a. geht es um Themen wie Kirtan, Krichnamacharya, Gandhi und Yogananda. Es ist toll zu sehen, wie jeder sein Thema kreativ aufpeppt. Einige singen, manche verteilen Bonbons, andere haben ihre Power-Point-Präsentation mit Bildern und persönlichen Geschichten aufgehübscht.

Zur Erheiterung sorgt vor allem das Thema Kriyas. Es beginnt mit der Aufforderung: "Nun nehmt mal alle eure Nudel in die Hand!" Nachdem wir pubertär losprustenden Weibsbilder (ich erinnere: Kaffee- und Schlafmangel!) uns wieder beruhigt haben, geht ein Topf mit herzchenförmigen Nudeln rum, die wir nun ohne zu blinzeln anstarren sollen. Das soll der Augenhygiene förderlich sein. Na gut. So richtig deftig zur Sache geht es beim Thema Dhauti (Reinigung des oberen Verdauungskanals), Nauli (Darmreinigung) und Basti (Einlauf). Zum Glück ohne Demonstration. Wunderbar trocken bringt uns Michael dieses obskure Thema näher. Wir können uns vor Lachen nicht halten und Freundetränen kullern die Wangen herab. Michael liest ernsthaft und trocken vor: „Jala-Basti: In der traditionellen Variante steht man hierfür bis zum Nabel in einem vorzugsweise fließenden Gewässer. Man nimmt eine hockende Position ein und saugt durch das fortgesetzte Kontrahieren und Entspannen des Beckenbodens und des Anusschließmuskels Wasser in den Darmbereich ein. Durch die Praxis von Nauli wird der Darm gespült und anschließend das Wasser wieder ausgeschieden. In der Hatha Yoga Pradipika steht: ,Vastikarman (Basti) im Wasser, regelmäßig praktiziert, verleiht den Körperteilen, den Sinnen und dem Geist Glanz. Es lässt den Körper erstrahlen, stimuliert das gastrische Feuer und elimiert alle Beschwerden.'“ Nun brechen alle Dämme, und einige liegen kugelnd vor lachend auf ihrer Matte. Herrlich. Und alle sind wieder wach.

Spirit Yoga - Teacher Training
Der dritte Tag


Tag 3
Konzentration

Mit Patricia habe ich gestern noch über meine Probleme in der Meditation gesprochen. Sie leiht mir heute ein Buch zur Inspiration: "The Artist's Way" von Julia Cameron und empfiehlt mir besonders eine Übung aus dem Buch: Vor der Meditation alles aufschreiben, was einem spontan durch den Kopf läuft. Immer drei Seiten. Egal, ob man das Bedürfnis hat, alles vollzuschreiben oder ob man schon auf der ersten Seite denkt: Mist, das krieg ich ja nie voll. Dann soll man genau das hinschreiben.

In der Meditation läuft es heute besser als gedacht. Ich beginne zu verstehen, dass es kein "Gut gemacht" hier gibt. Meine Gedanken kreisen um das Ajapa Mantra "So hamHam sa", das mir im letzten Jahr auf dem Yogafestival Swami Gurusharanananda nahegebracht hat. Für einen kleinen Moment herrscht so etwas wie Stille, doch die kleinen und großen Sorgen holen mich wieder ein und überrollen mich. Ich öffne die Augen, nur um mich zu erden: Du bist immer noch hier, in einem sicheren Raum. Das hilft. Ich lasse die Augen offen, konzentriere mich auf einen Punkt und lasse los vom MÜSSEN. Hinterher stehen drei Worte in meinem Tagebuch – sie verweisen auf ein Feedback, das ich gestern auch von Irina bekam, als ich meine Yogasequenz unterrichtet habe: Klarheit, Energie und Sendebewusstsein.

Es folgen gute zwei Stunden Asanas – viele Armbalancen wie gerade und seitliche Krähe, die meine Handgelenke ganz schön fordern. Danach werden wir in drei Gruppen aufgeteilt und gehen in jeweils andere Workshops. Wir haben nur eine Viertelstunde Pause, danach treffen wir uns zum Stimmtraining mit der Regisseurin und Yogalehrerin Irene Graef. Bei einer Übung sollen wir vorlesen und uns dabei selbst zuhören. Was sich zunächst widersinnig anhört, wird zu einer erkenntnisreichen, aber zeitraubenden Übung. Wie man als Yogalehrer mit seiner Stimme den ganzen Raum einnimmt und auch den Letzten in der hintersten Reihe erreicht, ist gar nicht so einfach. Als Kind hat mir auf einer Klassenfahrt der Vater einer Schulkameradin mal gesagt, ich hätte eine laute Droschkenkutscherstimme. Seitdem versuche ich, mich zurückzunehmen. Auch vielen anderen geht es nicht anders. Manche brauchen etwas länger, um aus sich herauszukommen. Ich hadere vor allem mit den Sprechpausen (nach jeder Überschrift fünf Sekunden, Punkt=drei Sekunden, Kommas etc. eine Sekunde). Drei Sekunden fühlen sich an wie eine Ewigkeit.

Es ist Wahnsinn, zu sehen, wie jeder aus sich herauskommt und die Stimme eines jeden einzelnen eine neue Qualität bekommt. Auch wenn wir alle das Gefühl haben, zu viel zu machen, merken wir, wie wach und konzentriert ein Yogalehrer sein muss, um die Energie im Raum zu halten. Meine Hochachtung steigt. Bis lang in den Abend halten wir die Konzentration und versuchen, unsere Stimme bis an die hinterste Wand kommen zu lassen, gleichzeitig zu unterrichten, zu korrigieren, Sprechpausen einzuhalten, uns zu hören und dabei liebenswert, präzise, klar und kraftvoll zu klinken. Puh. Gar nicht so einfach.

Am Ende des Tages habe ich vor lauter Anstrengung Kopfschmerzen und den unbändigen Drang nach einem RIESIGEN Stück Kuchen und meiner Badewanne. Nur gut, dass Süßigkeiten nicht auf meiner Liste stehen. Mit Torte und Buch geht's in die Badewanne und um 21 Uhr ins Bett.

Samstag, 12. März 2011

Spirit Yoga - Teacher Training
Der zweite Tag


Tag 2
Zweifel

Wecker. Autsch, Muskelkater. Ich fühle mich wie nach dem ersten Tag Snowboarden und kann nur hoffen, dass sich beim Yoga ein ähnlicher Effekt einstellt wie auf dem Berg. Heute bin ich faul und fahre mit dem Roller zum Spirit Yoga Studio. Samstag 7:15 Uhr am Hackeschen Markt ist es beinahe gespenstig ruhig. Vor allem wenn man bedenkt, dass sich in wenigen Stunden hier tausende Menschen durchs Shoppingquartier wälzen werden.

Wieder 20 Minuten Meditation. Ich nehme mir vor, offener zu sein, da ich merke, dass sich der kleine Motzkopf in mir wieder meldet ("Wozu das Ganze? Blöder esoterischer Mist! Ich kann das nicht...", motzt er auf meiner rechten Schulter, mit dem Fuß aufstampfend, eine Flunsch ziehend und mit Dreizack im Arm.). Aber heute versuche ich es über das Schwingtür-Mantra. Und dann herrscht tatsächlich einen winzigen Moment Ruhe...Frieden...Freiheit...Entgrenzung (meine Hände verschmelzen mit den Knien)... Ähm ("hüstel")...mein Ich, dass gerade dabei war, 10 cm vom Boden abzuheben, erschreckt sich und plumpst wieder auf die Erde... Aua, Knie tut weh, Fuß schläft wieder ein...die Gedanken kreisen um die Asana-Übungen... Atme!... OM... Wieder Beklemmung...

Als alle zusammen das OM singen, kann ich nicht mitmachen. Es hört sich irgendwie falsch an. Auch als wir unsere Gedanken aufschreiben sollen über unsere Beziehung zum "Größeren", stehen in meinem Notizbuch nur drei Fragezeichen. Es folgen gute zwei Stunden Asana-Praxis mit vielen Rückbeugen, immer wieder von inspirierenden Worten Patricias und der Aufforderung, das Herz zu öffnen und sich inspirieren zu lassen. Schön. Ich merke, wie durch die Praxis die düsteren Gedanken verfliegen. Toll, wenn Yoga so etwas erreicht.

Danach werden wir in drei Gruppen aufgeteilt und gehen in jeweils andere Workshops. Am frühen Nachmittag treffen wir uns mit unserer Mentorin Irina Alex, Yogalehrerin bei Spirit. Wir überhäufen sie sofort mit Fragen: Was mache ich in der Meditation, wenn mir ein Bein einschläft, wie geht dieser und jener Assist usw. Ruhig und gelassen geht sie auf jeden ein und schafft es, unsere aufgeregten Seelen wieder ein bisschen zu erden: "Wenn dein Bein wehtut, dann beweg es halt kurz. Finde wieder in die Ruhe und meditiere weiter. Das wichtigste ist, dass du dich dabei nicht aus der Ruhe bringst." Herrlich offen spricht sie über ihre eigenen Schulterprobleme und wächst mir damit sofort ans Herz. Danach muss jeder den anderen eine kurze Sequenz unterrichten und vorher erzählen, was er als Yogalehrer als seine Bestimmung ansieht. Ich möchte inspirieren. Irinas Feedback: Es fehle noch an Klarheit, Lautstärke, Energie und Sendungsbewusstsein. Und ich solle am Anfang nichts von mir erwarten. Ich nehme mir das für die nächsten Tage zu Herzen.

Freitag, 11. März 2011

Spirit Yoga - Teacher Training
Die Intensivwoche beginnt

Bild: pixelio, Dieter Schütz


Tag 1
Kraft

Über eine Woche intensives Yoga liegt vor uns, eine Woche voller Freude, Tränen, Fragen, Erkenntnisse, Zweifel, Lachen und neuer Freunde. Das Teacher Training bei Spirit Yoga geht ans Eingemachte: Yoga Philosophie und Geschichte, Ethik und Lifestyle, Anatomie und medizinische Grundlagen, Didaktik und Methodik, Meditation, immer wieder Asana-Training und Arbeit an unserem Selbst. Ein Einblick.

Nachdem wir uns an den ersten Wochenenden schon herangetastet haben, erste Asana-Korrekturen, Yamas, Niyamas, unsere Gunas und Kleshas auseinandergenommen haben, soll es nun zehn Tage am Stück Yoga geben. Jeden Tag: Beginn 7.30 Uhr, Ende: zwischen 17 und 19 Uhr. Wer zu spät kommt, muss draußen warten bis die anderen 20-30 Minuten Meditation hinter sich haben und hoffen, dann gnädig eingelassen zu werden (um es vorweg zu nehmen: Niemand wird in dieser Woche zu spät kommen!).

Bereits vor dieser Woche sollen wir uns über Kleshas Gedanken machen, d.h. Dinge in unserem Leben und in uns, wie z.B. falsches Wissen, (Sehn-)Süchte, Ängste oder Abneigungen, die sich uns immer wieder in den Weg stellen. Wir sollen uns ganz konkret Dinge für diese Woche vornehmen, die wir unter- oder weglassen. Für viele heißt das: Kaffee, Süßigkeiten, Alkohol. Ich habe in dieser Woche einige verschwörerische Blicke beim Weg zu Starbucks geerntet. Nein, bei mir ist es nicht der Kaffee. Bei mir wird es Fernsehen sein. Sich abends nicht mit Blödsinns-TV die Birne wegzuknallen soll meine Herausforderung sein. Mann und Hund habe ich in den Urlaub geschickt, mal sehen wie die Abende so werden. Es kann beginnen.

Der erste Abend
Die meisten kommen von ihrer Arbeit und sind dementsprechend müde. Schließlich muss die Woche Urlaub ja rausgearbeitet werden. Es steht Anatomie auf dem Programm mit Lilla Wuttich, Physiotherapeutin am Institut für Yoga und Yogatherapie in Berlin und Lehrerin an der Physiotherapie-Schule Potsdam. Knochen, Muskeln, Sehnen, Blutgefäße und die brennende Frage: Was ist ein Muskelkater. Mich faszinieren die (Achtung Wortspiel) Faszien. Umhüllungen der Muskeln, die den ganzen Körper als verbindendes Spannungsnetzwerk durchdringen. Die Muskeln unseres Rückens z.B. sind durch Faszien mit den Muskeln des Gesäßes der Oberschenkel und der Unterschenkel verbunden und ziehen sich bis zu den Füßen. Wir sollen eine Vorbeuge in kaltem Zustand machen, uns danach die Füße kräftig massieren und wieder eine Vorbeuge machen. Der überraschende Effekt bei den meisten: Verspannungen und Blockaden sind beim zweiten Mal viel weniger zu spüren. Okay, die nächsten Tage Füße massieren! Der Abend gibt aber auch einen Vorgeschmack, was wir die nächste Tage am meisten brauchen: Sitzfleisch!

Tag 1: Kraft aufbauen
Der Wecker klingelt kurz nach 6. Schnell stopfe ich mir noch ein paar Cornflakes in den Mund und radel durch das noch tief schlafende Berlin. Mich trifft die Erkenntnis, dass es um diese Zeit ja schon hell ist: Eigentlich ganz schön, so früh schon auf den Beinen zu sein. Um kurz nach halb acht schellt zum ersten Mal in dieser Woche eine gigantische Kuhglocke durch den Yogaraum: RUHE BITTE.

Jeder schlumpft im noch recht verpennten Zustand auf seine Matte. Wir sollen 20 Minuten meditieren. Für Ungeübte eine kurze Erklärung: still sitzen, nicht bewegen, nicht einschlafen, Gedanken angucken und gehen lassen, auf den Atem konzentrieren. Na wenn's weiter nichts ist, denke ich unbedarft und los geht's nach drei OM: Augen zu... Dunkel... Mist, hab ich die blöde Mail jetzt für Montag abgeschickt?... Mist... Nicht denken, Anne... Atem: Nase... Die kitzelt... Nicht kratzen... Ach, ich freue mich schon auf den Urlaub, wo wir wohl hinfahren? Kreta war so schön, die Strände, das Tauchen, Plakias, die kleine Bäckerei an der Ecke mit den leckeren Keksen... Hier bleiben, Anne... Mist... Nu denk doch endlich mal nicht... Wann sollte ich noch mal das letzte Kapitel für das Lektorat bekommen?... Hier bleiben! HALLO... Aua, linker Fuß schläft ein... Da hinten bekommt jemand einen Hustenkrampf... Mein Nachbar kämpft mit zwei Liter Spucke... Der auf der anderen Seite hat noch nix gefrühstückt und hörbar Hunger... Die Holzdecke knarrt, Kirchenglocken... Ist es schon acht Uhr? Wie lange dauert das hier denn noch?... Aua, rechter Fuß schläft ein und Rücken tut auch weh... OM...Was bedeutete das noch mal? Geburt, Leben, Tod... Beklemmendes Thema... Mist, ist das dunkel hier... NICHT DENKEN!

So ungefähr hört sich mein innerer Kampf am ersten Tag an. Während einige andere, die schon jahrelang meditieren (und zum Teil extra um 5 Uhr aufgestanden sind, um ihre Praxis beizubehalten), hinterher von sphärischen Entgrenzungs- und Flugerfahrungen sprechen, frage ich mich, was ich wohl falsch mache. Ich will auch fliegen!

Nach der Meditation sollen wir uns ein paar Antworten auf Fragen aufschreiben, was wir für Erwartungen haben und was uns evtl. im Wege stehen könnte. Dann geht es bis 10:15 Uhr in die Praxis, wie jeden der kommenden Tage. Thema heute: Stärkung des Zentrums. Das heißt: Immer wieder Bauchübungen. Gerade Bauchmuskeln, Fahrradfahren, schräge Bauchmuskeln. Bis wir irgendwann klatschnass und keuchend am Boden liegen und uns fragen, wie zum Henker wir die zehn Tage überleben sollen.

Nach einer kurzen Pause (endlich essen!) sammeln wir uns wieder und halten die ersten Vorträge. Irene und ich sind die ersten: Die Wurzeln des Yoga. Es folgen Vorträge zum geschichtlichen Hintergrund von Hatha Yoga und zu der Frage, ob Yoga eine Religion ist. Lange Diskussion. Nach einer kurzen Pause gibt es einen Vortrag zu Jnana & Bakti Yoga, und dann geht es wieder in die Bauchübungen. Dieses Mal dürfen wir uns gegenseitig anfeuern. Es wird laut. Mir fängt es an Spaß zu machen, Jo anzubrüllen, er solle sich mehr anstrengen: "Höher, höher, mehr durch den Fuß nach vorn treten, Becken hoch, Crunch!" Vielleicht ist Yoga im Fitnessstudio zu unterrichten ja gar keine sooooooo abwegige Idee für mich?! Nach weiteren Hands-on-Übungen und Fragerunden ist der erste Tag schon um.

Mit Puddingbeinen trete ich in die Fahrradpedale. Zu Hause stopfe ich zunächst wahllos Kohlenhydrate in mich hinein (Pasta, Brot, Kartoffelsalat, Schokolade) und sinke auf die Couch. Ich würde jetzt wirklich gern in die wohlig bedeutungslose Fernsehwelt abschweifen. Etwas ziellos tigere ich durch die Wohnung, setze mir eine Kanne Tee auf, durchwühle das CD-Regal und setze mich mit Morcheeba, Massive Attack und Eddie Vedder aufs Sofa, schnappe mir die Stricknadeln und mache mich an den seit Ewigkeiten unfertigen zweiten Stulpen. Noch ein kurzer Blick in das Buch, das mir meine Schwiegermutter mitgeben hat: "Dem Lauf des Wassers folgen. Zen-Meditationen." Ein Spruch von Shunryu Suzuki, dem Gründer des Zen-Zentrums in San Francisco:

"Wenn wir Zazen praktizieren, folgt unser Geist immer unserem Atem. Wenn wir einatmen, tritt die Luft in die innere Welt ein; wenn wir ausatmen, geht die Luft hinaus in die äußere Welt. Die innere Welt ist ohne Grenzen, und auch die äußere Welt ist ohne Grenzen. Wir sagen "innere Welt" oder "äußere Welt", aber in Wirklichkeit gibt es einfach nur eine ganze Welt. In dieser grenzenlosen Welt ist unsere Kehle wie eine Schwingtür. Die Luft kommt herein und geht hinaus, wie jemand der durch eine Schwingtür tritt. Wenn ihr denkt "Ich atme", ist dieses "Ich" ein Zusatz. Es gibt niemanden, der "ich" sagen könnte. Was wir "Ich" nennen, ist nur eine Schwingtür, die sich bewegt, wenn wir einatmen und ausatmen. Sie bewegt sich einfach, das ist alles. Wenn euer Geist rein und ruhig genug ist, nur dieser Bewegung zu folgen, ist nichts da: kein "Ich", keine Welt, weder Geist noch Körper; nichts als eine Schwingtür."

Mal sehen, ob das morgen besser klappt, zu einer Schwingtür zu werden!
 
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