Mittwoch, 23. Dezember 2009

Muss man wirklich am 24. Dezember shoppen?

Den Flyer fand ich heute in meinem Postfach. Ja, ich mag COS, und ja, ich mag Sales... Doch muss man wirklich am Heiligen Abend sich um heruntergesetzte Pullis streiten? Berlin ist da irgendwie anders. Hier haben die Supermärkte (nein, nicht nur Konsumtempel und Kaufhäuser, was ich ja noch irgendwie verstehe) auch an den Adventssonntagen geöffnet. Muss ich am 4. Advent wirklich Butter und Milch einkaufen können?

Montag, 21. Dezember 2009

Lecker Weihnachtsprinzen - gestern und heute

Nein nicht Printen, PrinZen! Jedes Weihnachtsfest wieder schwelge ich in Kindheitserinnerungen via Märchenfilme und stelle fest, dass ich immer noch den gleichen Männergeschmack habe wie mit sieben: „Mutti, der Prinz in ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' is viel hübscher als der in ,Schneeweißchen und Rosenrot'. Und der ,Froschkönig' ist richtig hässlich!“ Ich weiß, Kinder können grausam sein (und Jens-Uwe Bogadtke reift halt eher wie ein guter Wein). Allerdings sehen auch viele andere (Traum-)Prinzen heute etwas anders aus ...

Also für alle meine Freundinnen, hier die Top-Five-Weihnachtsprinzen gestern und heute:


Pavel Trávníček alias Prinz in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
So sieht der Theaterschauspieler übrigens heute aus:



Kim Rossi Stuart alias Prinz in „Prinzessin Fantaghiro“:

und heute...


Petr Svojtka in „Die kleine Meerjungfrau“:




Er starb leider schon 1982 an den ,Folgen' seiner Alkoholsucht (wurde betrunken von einer Prager Straßenbahn überrollt):


Und letztens erst gesehen: sehr schöne neue Version von König Drosselbart (2008). Auch wenn ich Mannfred Krug ganz ansehnlich finde in der alten DEFA-Version, so ist doch Ken Duken um einiges schnuggeliger (hier der Direktvergleich):


Bilder: abl, Gamma/Richard Schröder, DEFA, www.ceskatelevize.cz, Icestorm, kenduken.net, HR

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Last Minute Geschenkideen für Berliner

Bild: www.liquidrom-berlin.de

Kennt ihr das auch: Chef will bis zum 24. Dezember mittags noch unbedingt ein zusätzliches Projekt abwickeln? Jedes Adventswochenende stehen Verwandschaftsbesuche an, Motto: Wenn ihr schon nicht Weihnachten mit uns verbringt dann kommt wenigstens am 1./2./3./4. Advent? Und für Mutti fällt uns jedes Jahr sowieso nix ein, da sie immer sagt: „Ich brauch' nichts, hauptsache wir sehen uns häufiger im nächsten Jahr.“?

Und schwupps ist er da der Heilige Abend. Da war doch noch was...? Irgendwen habe ich doch vergessen, oder...? Und dann braucht man gaaaaanz schnell noch ein Geschenk! Möglichst zum Sofortausdrucken, aber trotzdem originell und persönlich. Also hier meine Tipps für Gestresste und Vergessliche in Berlin:

Bild: www.yogaloft-berlin.de

1. Weihnachts-Gutscheinaktion von Jivamukti Yoga Berlin bequem im Onlineshop zu bestellen (Wer einen Weihnachtsgeschenkgutschein kauft, bekommt Gratisstunden).



Bild: www.liquidrom-berlin.de

2. Wellness: Sauna/Therme/Massagen im Liquidrom Berlin: sofort ausdruckbare Geschenkgutscheine online bestellen (habe ich selbst letztes Jahr geschenkt bekommen und mich sehr gefreut)!

Bild: www.zoo-berlin.de

3. Tierpatenschaft z.B. für Giraffe Malindi (Foto) im Berliner Zoo: Antragsformular ausfüllen und Urkunde wird zugeschickt. Auf den Weihnachtstisch kommt ein Foto.

Bild: www.apfelpatenschaft.de

4. Apfelbaumpatenschaft: Ein Jahr lang einen Baum begleiten und im Herbst kiloweise Äpfel ernten. Großer Spaß für kleine und große Stadtkinder. Online hier bestellen, Faxbestätigung schicken und bezahlen. Die Urkunde wird zugeschickt, einen Gutschein kann man sich aber sofort ausdrucken (wird erst nach Geldeingang gültig). Teilnehmen an der Aktion Obsthöfe im Alten Land, in Brandenburg, im Schwarzwald oder in der Nähe von Bonn.










5. Neue Berliner Bücher bei Amazon: Per Blitzversand auch noch am 23.12. bestellbar: Berliner Morde (18 Krimiautoren schildern Berliner Morde), Berlin Now (Wunderbarer neuer Bildband mit Fotografien u.a. von Mario Testino und Daniel Biskup), Neue Zwiegespräche mit Gott (ehemaliger Hausbesetzer Ahne streitet sich mit Gott über den Alltag, herrlich komische Reihe aus dem Berliner Radio Eins).

Yoga-Workshop mit Dechen Thurman
Bruder von Uma

Bild: www.jivamuktiyoga.com

Schon einmal vormerken: Vom 28. bis 31.1.2010 weht durch das Jivamukti Yoga Berlin ein Hauch Hollywood. Dechen Thurman aus New York, einer der Lehrer an der Seite von David Life und Sharon Gannon, gibt erstmals in Berlin zwei exlusive Jivamukti-Yoga-Workshops und zwei Open Klassen. Er ist der Bruder von Uma und der Sohn von Robert, spielte den Guildenstern in Michael Almereyda's „Hamlet“ und Patrick Bateman in Gerald Fox's Bret Easton Ellis Film. Aber vor allem erlangt er in den letzten Jahren als Jivamukti Yoga Teacher international Anerkennung (Time Out NYC).

Nachtrag: Hier gehts zum Interview, das ich mit Dechen geführt habe.

Weimarer Label VILDE SVANER zeigt neue Öko-Kollektion in Berlin


Fotograf: Christian Werner
Models: Ulrike Theusner, Daniel Burchard
Make-Up & Hair: Dorothea Wiedermann

Parallel zur Berliner Fashion Week vom 22.-23.01.2010 zeigt das Eco-Fashionlabel VILDE SVANER seine neue Kollektion 01/2010 in der Almstadtstraße 35 in Berlin-Mitte (Do ab 18, Fr 10-20, Sa 10-16 Uhr). Das junge Modelabel entwirft seit 2008 Mode aus fairen und ökologisch einwandfreien Materialien für Männer und Frauen. Dabei verbinden die Designerinnen Anne Gorke und Antje Wolter Nachhaltigkeit mit ästhetisch anspruchsvoller Mode. Statt getrennter Winter- und Sommerkollektion, gibt es Stücke, die leicht kombinierbar und nicht an eine Saison gebunden sind.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Filmtipp: Golden-Globe-Nominierung
für „Up in the Air“

Mit 6 Nominierungen, u.a. für den besten Film, hält „Up in the Air“ den Rekord bei den diesjährigen Golden-Globe-Nominierungen (wegweisend für den Oscar). Ich kann's kaum erwarten, dass der Film Anfang Februar ins Kino kommt:





Berlin WMP! Fashion Flohmarkt


Und noch ein Flohmarkt in warmen, trockenen Räumen: Diesen Samstag findet der WMP! Fashion Flohmarkt statt. Freier Eintritt, weitere Details auf dem Flyer...

Berliner Yogastudios im Test: Die Wohlfühler



Lehrerin Deborah Haaksman
Letztes Foto: www.spirityoga.de

Auf der Suche nach einem Yogastudio, das vielleicht sogar ein bisschen den Geldbeutel schont und näher an zu Hause liegt, hat es mich gestern zu den Wohlfühlern geführt. Bis zum 24.12. ist eine Probestunde noch kostenlos und ab Januar beginnen neue krankenkassengeförderte Kurse. Jemand hat mir den Tipp gegeben, dass man auch ein bis zwei Yogakurse pro Jahr von der Krankenkasse erstattet bekommt. Also warum nicht das gesparte Geld in schöne Weihnachtsgeschenke investieren?

Neben Massagen, Akupunktur und Kosmetikbehandlungen werden auch Yoga- und Pilateskurse angeboten. Und so düse ich gestern, dick verpackt, auf meinem Roller in fünf Minuten in die Kollwitzstraße. Von außen schon ein netter Eindruck: weihnachtlicher Lichterschmuck, hübscher Altbau. Der Empfang mutet allerdings ein bisschen wie eine Arztpraxis an. Die beiden Damen hinter dem Tresen sind etwas hektisch. Meine Hoffnung, dass es auch krankenkassengeförderte Fortgeschrittenenkurse gibt, wird zerschlagen. Schade, ein totaler Anfängerkurs ist leider nicht das richtige für mich.

Ich trage mich in die Liste ein und soll einen Moment warten, damit mich jemand mitnimmt, der weiß, wo die „Remise“ liegt. Ich werde neugierig und muss nicht lange auf dem großen roten Sofa unter dem Weihnachtsbaum warten. Eine andere Yogaschülerin nimmt mich mit. Es geht wieder raus und zwei Häuser nach links. Durch einen sehr schönen alten Hausflur in den Hinterhof und da steht sie: die Remise. Ein schnuckeliges kleines, zweistöckiges Häuschen, an dem eine Treppe hinauf zum Yogaraum führt. Ich bin immer wieder erstaunt, was Berlins Hinterhöfe so zu bieten haben. Da gibt es zum Teil alte Fachwerkhäuser und niedliche Einfamilienhäuser, schön versteckt hinter fünfstöckigen Großstadtfassaden.

Der Raum ist noch leer, wir ziehen uns vorne die Schuhe aus und pellen uns in der versteckt um die Ecke liegenden Umkleidekabine – nur eine für Männlein und Weiblein – aus den dicken Wintermänteln. Doch wir Frauen sind dieses Mal sowieso unter uns. Neben mir lassen sich nur noch drei weitere Yogaschülerinnen nieder. Der Raum ist angenehm in Rot und Beige gehalten, an der Wand hängt nur ein Buddhakopf, Wasser steht bereit. Lehrerin Deborah Haaksman, klein, blond und sehr schlank, begrüßt uns freundlich und beginnt die Stunde mit aufsteigenden Atemübungen im Sitzen. Deborah geht leise herum und berührt sanft mit nur vier Fingern meinen Nacken. Die leichte Berührung reicht, um meine Nackenmuskulatur zu entspannen und mich gerader auszurichten.

Wir beginnen mit der Aktivierung des Kraftzentrums im Bauch und atmen uns in einige laaaaangsaaaaame Situp-Varianten mit Yogamattenrolle zwischen den Beinen (Beine senkrecht nach oben, erst das Becken anheben, dann den Oberkörper dazu, dabei Rolle zwischen den Beinen zusammenpressen). Meine Bauchmuskeln zittern. Es folgt die Brücke (Sethu Bandhasana). Im Nachhinein merke ich, wieviel leichter es fällt, länger im Hund zu bleiben, wenn man vorher die Bauchmuskeln aktiviert hat. Eine wohlige Wärme breitet sich von meiner Körpermitte in Arme und Beine aus.

Danach einige Runden Sonnengruß – die Variante, die ich am Anfang meiner Yogapraxis kennengelernt habe, mit zwischengeschobenem Halbmond (Anjaneyasana). Deborah erklärt noch einmal die zwei Möglichkeiten zum Liegen zu kommen: entweder Chaturanga Dandasana/Urdhva Mukha Shvanasana (Liegestütz/heraufschauender Hund) oder Knie-Brust-Stirn zum Boden/Bhujangasana (Kobra). In der Kobra achtet sie sehr genau darauf, dass wir den Nacken lang lassen – was ich auch immer vergesse. Danach gehen wir zu den Kriegervarianten und den stehenden Drehsitz über und dehnen uns in die schräge Vorbeuge (mal sehen, wie weit der Spagat noch entfernt ist). In der Taube merke ich, dass es mir immer noch schwerfällt, den Winkel zwischen Knie und Oberschenkel weiter zu öffnen. Es gibt immer Spielraum für Weiterentwicklung. Deborah geht immer wieder herum und kontrolliert, unterstützt und korrigiert. Dabei berührt sie ihre Yogaschüler immer nur erstaunlich sanft und leicht.

Die Stunde konzentriert sich dieses Mal hauptsächlich auf Übungen im Stehen. Die Stunde schließt Stellung des Kindes (Garbhasana) und Totenstellung (Shavasana). Deborah geht wieder herum und massiert jedem kurz Nacken und Kopf. Schön.

Nach der Stunde unterhalte ich mich kurz mit ihr. Ich frage sie nach dem Kurssystem. „Das hier ist mein ehemaliger Anfängerkurs, der jetzt so weit ist, dass man ihn in einen Fortgeschrittenen-Kurs umwandeln konnte. Aber du hast ja auch schon Erfahrung, wie man sieht.“ Als sie hört, dass ich auch schon bei Spirit Yoga war, blitzen ihre Augen auf: „Bei Patricia habe ich meine Ausbildung gemacht, und ich unterrichte auch noch dort. Dann kennst du ja den Stil. Ich mag zwar auch Jivamukti, aber mit den ganzen Vorschriften ist mir das manchmal zu dogmatisch. Ich mag meinen Schülern nicht vorschreiben, wie sie leben sollen.“ Ich frage sie, wo sie denn ihren Schwerpunkt setzt. „Jede Stunde baue ich anders auf. Ich lege aber immer viel Wert darauf, dass der Körper genug Wärme entwickelt, um Verspannungen zu lösen, und natürlich auf die exakte Ausrichtung.“

Als wir alles wegräumen, kommt die eine Dame vom Empfang in den Raum und spricht uns etwas empört an: „Einer von Ihnen hat heute schon zum zweiten Mal eine kostenlose Stunde gehabt. Ich habe einen Namen doppelt in der Liste.“ Alles schweigt. Keiner fühlt sich angesprochen. Den Namen will sie nicht nennen. Auf ungerechtfertigte Wer-war-das-Sprüche reagiere ich nicht. Nur schade, dass man auf diese Weise eine entspannte Runde etwas unentspannt machen kann. Aber die Stunde von Deborah hält noch vor und so schütteln wir alle nur entspannt lächelnd den Kopf. Leider muss ich weiter nach meiner etwas günstigeren Yogastunde suchen. Vielleicht finde ich sie ja nächste Woche im YogaRaumBerlin (die haben auch einen krankenkassengeförderten Mittelstufenkurs).

Fazit: Sehr ruhige entspannte Atmosphäre im Vinyasa-Flow-Stil. Perfekt für die typische Prenzlauer-Berg-Frau!

Infos:
Die Wohlfühler

Kollwitzstraße 75
10435 Berlin

Tel. 40 30 13 34

www.diewohlfuehler.de

Diverse Kurse (Yoga, Pilates, Qigong, Autogenes Training, Cardio Fitness, Stressbewältigung, Wirbelsäulengymnastik, Tai Chi) Mo-So 8-20.15 Uhr (mal früher mal später), Offene Kurse 60-90 min. € 12, 5er-Karte € 55, 10er-Karte € 100 (Studentenrabatt, Personal Training).

Montag, 14. Dezember 2009

Ich möchte Pocahontas sein

Bild: http://josephaltuzarra.com/collections/

Inspiriert von dem heutigen Posting von Garance Doré habe ich mir mal die wunderbare Mode des jungen New Yorker Designers Joseph Altuzarra angesehen. Und jetzt möchte ich Pocahontas sein, denn dieses Cape ist traumhaft!

Ausflugstipp: Lichtenwalde




Verwandschaftsbesuche in der Vorweihnachtszeit können sehr anstrengend werden. Ein guter Tipp: ein schönes Hotelzimmer in der Umgebung nehmen, nett essengehen und abends sich mit den Worten verabschieden: „Schade, wie müssen schon gehen, aber wir wollen noch in den Spa-Bereich“. Auch sonst, für einen kurzen Weihnachtsurlaub, sehr zu empfehlen ist das kleine vor-erzgebirgische Dörfchen Lichtenwalde bei Chemnitz – mit Barockschloss, guten Restaurants und schönem Best-Western-Hotel. Und beim ersten Schnee des Jahres habe ich im Barockgarten gleich meine neue Canon ausprobieren können (bin für Tipps immer dankbar). Das Ergebnis: hübsch kitschige Schneebilder.

Eine geile Katze, ein Klosturz & ein masochistisches Karnickel:
Alice Underground


Kochtipp für Weihnachten: gebratenes, gut gepfeffertes Karnickel.

Die Darsteller: Anne Tismer (Alice), Okka Hungerbühler (Puppe), Catherine Stoyan (Raupe und Storch), Hannes Benecke (Grinsekatze), Christoph Tomanek (Osterhase), Sebastian Arranz (Kaninchen), Hans-Jochen Menzel (Teddy und Jesuskind).

Vorweihnachtliche Freakshow: blutiges Jesuskind, Kaninchen versucht, Alice zu köpfen, Grinsekatze mit Toupet, Travestitstar Sixtinische Madonna und nuttige Engelchen.

Herrlich masochistisches Kanickel mit Schnauzbart


Nervige Schulkinder


Philosophierendes Kriechtier mit matschiger Erdbeere


Doktorspiele mit Puppendoktor

Das Kaninchen sucht seine Zutaten

Wir haben gelacht und gestaunt: Alice Underground im Ballhaus Ost war wirklich sehenswert! Alice ist in die Jahre gekommen, irgendwas-in-den-Dreißigern, wahrscheinlich Hartz-4-Empfängerin, mit strähnigem Haar, glasigem Ich-nehms-wies-kommt-Blick und wohnt im Plattenbau. Sie kann sich nicht entscheiden, ob sie mit Spee oder Persil waschen soll, tanzt herrlich ungelenk und hortet Joghurtbecher im Kühlschrank bis sie - bäh - komisch schmecken. Und sie ist schrecklich einsam.

Das linkische Lachen von Hauptdarstellerin (und Co-Autorin) Anne Tismer und ihre verzweifelte Suche nach Nähe lässt uns die prollige Alice ins Herz schließen. Tismers Spiel geht unglaublich nah: Sie zeigt eine bunte Palette von Gefühlsausdrücken – von leicht debil über naiv, aufmüpfig, dämlich, verzweifelt bis zu herrschsüchtig, dabei immer glaubhaft. Dem „Häschen“ hetzt sie hinterher durchs Klo in die Unterwelt (erinnert stark an die Szene in Trainspotting). Per Filmanimation und Beamer verfolgen wir ihren Weg durchs Rohr in den freien Fall (erstaunlich, wie Julia Oschatz und Ralf Arndt mit so wenig Deko und Bühnenbild – eine Wand mit Türen und Klappen sowie besagten Projektionen – so viele Effekte erzielen):

„Ich falle. Ich falle! Wir alle fallen. Ich finde langsam Gefallen am Fallen. Gefallenes Mädchen, ne? ... Reingefallen...“

Richtig liebgewonnen habe ich das gehäutete Kaninchen mit Schnauzbart, dass sich aus dem Kühlschrank befreit, um panisch festzustellen, dass sein Haltbarkeitsdatum heute abläuft und es Gefahr läuft, zu spät zum eigenen Essen zu kommen. Und so hoppelt Darsteller Sebastian Arranz unnachahmlich niedlich durch die Bühnendeko, schnappt sich später Kochmütze, Messer und Pfeffermühle und brät sich in einem masochistischen Wahn in Pfanne und Herd.

Neben diesem „roten“ Faden spielt sich im Untergrund-Wunderland allerlei Kurioses ab: ein pädophiler Teddybär, der sich an zwei nervige Babypuppen ranmacht („Bist du eine Pullerpuppe oder eine Nuckelpuppe?“), ein dickes Großmaul, dass gerne Sänger wäre (im selbstaufblasendem Kostüm), zwei verführungswillige Grundschüler, ein saufender Osterhase im Schrebergartenlook, der einen sächselnden Storch mit Aschenbecherbrille im Rollstuhl vor sich her schiebt, und die Sixtinischen Madonna, die zusammen mit einem Paar nuttiger Engel in einer Travestishow das Jesuskind mit einem Kochbuch grün und blau dreschen und später in der Badewanne ersäufen. Eine weitere Lieblingsfigur ist die süße, eklige Made, die aus dem verfaulten Apfel steigt, immer wieder einen Snack aus einer glibberigen Erdbeere zwischen die Kiemen schiebt und dabei herrlich über das Leben im Dreck philosophiert.

Die ganze Freakshow gipfelt in der bei Lewis Caroll bekannten Gerichtsverhandlung, in der Alice zum Racheengel mutiert und jeden auf seine Weise von der geilen Grinsekatze (wunderbar gespielt von Hannes Benecke) hinrichten lässt: Dem Puppendoktor-Teddy (kleine sarkastische Anspielung ans DDR-Kinder-Fernsehen) wird das Herz herausgerissen, der Storch per Elektroschock getötet und die Babypuppe in der Badewanne ersäuft. Dazu läuft „Kiss“ von Prince. In dem ganze Gemetzel und Blutrausch beginnt sich Alice die Pulsadern aufzuschneiden und erwacht dabei aus ihrem (Alb-)Traum.Die Waschmaschine rumpelt wie immer, die Badewanne läuft über und das Radio dudelt die besten Hits der 80er, 90er und das Beste von heute.

Wir wurden zwei Stunden herrlich unterhalten und haben uns keine Sekunde gelangweilt. Erstaunlich war vor allem, aus wie wenigen Mitteln hier ganz großes Kino wurde: eine Sperrholzwand mit ein paar Türen, fanstasievolle Lichtgestaltung, originelle Kostüme, eine wegweisend choreografierte Symbiose aus Animationsfilm und Theater – und allen voran eine grandiose Schauspielerriege, die den Zuschauer jede Figur ans Herz wachsen lässt.
 
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